Verwaistes Grab erinnert an Verbrechen vor 70 Jahren

Der Mord an einem fünfjährigen Mädchen hat einst in Meerane für Aufregung gesorgt. Jetzt hat ein Chronist die Geschichte aufgeschrieben.

Meerane.

Bei seinen regelmäßigen Führungen über den Meeraner Friedhof lässt Mirko Och die Teilnehmer an einem Grab besonders lange innehalten. "Ich bin oft als kleiner Junge mit meiner Oma über den Friedhof gelaufen. Die hat mir erzählt, dass hier die kleine Heidi begraben liegt. Sie war gerade mal fünf Jahre alt, als sie ihrem Mörder begegnete", sagt der 51-Jährige, der im Förderkreis Friedhof Meerane mitarbeitet. Am 13. August 2020 jährt sich diese schreckliche Tat zum 70. Mal. Daran erinnert heute lediglich noch ein verwaister schwarzer Grabstein - mit Marmorrelief und dem Konterfei eines kleines knienden Mädchens mit Flügeln. Da es keine Angehörigen mehr gibt, die Eltern sind längst verstorben, hat Friedhof-Kenner Och nun beantragt, die Patenschaft über die Ruhestätte zu übernehmen.

Die Geschichte des Kindsmords im Schillerpark und des in Meerane aufgewachsenen Täters Herbert M., der zum Serienkiller wird, hat Andreas Grass recherchiert und in einem 25-seitigen Heft zusammengefasst. Zwar hatten sich schon vor Grass diverse Medien mit Herbert M. beschäftigt. Grass aber arbeitete den Kriminalfall lokal auf, befragte Zeitzeugen. Dass sich der 52-jährige Ex-Meeraner überhaupt so intensiv mit diesem Verbrechen beschäftigte, begründete er zwar mit dem Interesse an echten Kriminalfällen. Die Initialzündung sei aber bei einer Ausgabe der Reihe "ZDF History" gekommen, die sich mit Serienmördern befasste. "Dabei fiel auf einmal der Ortsname Meerane. Da bin ich natürlich hellhörig geworden", erinnert sich Grass, der mit seiner Familie nahe Hohenstein-Ernstthal lebt. "Dass ein Mensch mit 16 Jahren zum erstem Mal tötet, insgesamt drei Kinder und eine junge Frau auf dem Gewissen hat, ist schier unbegreiflich", sagt Grass. Dafür musste Herbert M. über 55 Jahre hinter Gitter - bis er mit 85 Jahren im Vorjahr in einer Zelle in Brandenburg verstarb.

Obwohl Herbert M. als gefühlskalt und introvertiert galt, habe er es geschafft, die kleine Heidi zum Beerenpflücken in den Park zu locken. Er soll zudem, wie Polizeiprotokolle belegen, sexuelle Absichten gehabt haben. "Da sich das Kind gewehrt hat, rammte er ihm sein Taschenmesser in den Brustkorb", erzählt Grass. So wurde Herbert M. zu einer achtjährigen Jugendgefängnisstrafe verurteilt. Er wurde 1956, also zwei Jahre früher, aus der Haft entlassen. "Es erfolgte keine Unterbringung in einer Heilanstalt", wundert sich noch heute der Ortschronist. Die Resozialisierung habe sich in der damals noch jungen DDR lediglich in der Zuweisung von Wohnung und Arbeit beschränkt. Das hatte fatale Folgen: 1968, also 18 Jahre nach der ersten Tat, begeht Herbert M. im thüringischen Lauscha den zweiten Mord. Diesmal ersticht er eine junge Frau. Er wurde durch das Bezirksgericht Suhl wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt, kam jedoch durch die im September 1990 beschlossene Teil-Amnestie auf freien Fuß. Er tötet erneut: Marion K., die ihn im Obdachlosenasyl in Berlin kennenlernte, überlässt am Silvesterabend 1991 ihre vier und fünf Jahre alten Töchter Herbert M., da sie mit Freunden feiern geht. Am Neujahrstag liegen die Kinder erstochen im Bett.

Derweil erhielt auch Friedhofsverwalter Uwe Horn ein Exemplar des Tatsachenberichts: "Es ist wichtig, dass wir Heidi in Erinnerung behalten, auch wenn es keine Angehörigen mehr gibt." Er sei froh, dass das Grab auch künftig gepflegt wird.

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