Viel Chemie und ein offenes Rätsel zum Denkmaltag

Zum bundesweiten Aktionstag öffnet auch eine der ungewöhnlichsten Produktionsstätten in Glauchau ihre Türen - die Nordpol-Seifenfabrik.

Glauchau.

Die Resonanz zum Tag des offenen Denkmals in der Glauchauer Unterstadt ist sehr groß. Der in ganz Deutschland beworbene Sonntag bietet für jeden Interessenten einen Blick in sonst nicht öffentlich zugängliche Gebäude. In Glauchau öffnet hierfür Inhaber Peter Michael Mory (36) die große Webertür des ursprünglichen Weberhauses seiner Seifenfabrik Nordpol in der Niederen Muldenstraße.

"Wer kennt überhaupt unsere kleine Firma? Wer war schon in dieser verlassenen Sackgasse?", fragt Mory zu Beginn seiner Führung. "Wir werden es jetzt kaum bemerken, dass wir uns durch drei Gebäude bewegen. All diese Räume gehören zu unserer kleinen Fabrik. Die tragenden Wände wurden erst nach und nach ergänzt und damit entstanden dann die kleineren Räume."


Die ersten Besucher drängen sich 10 Uhr durch den mit historischen Reklameschildern geschmückten Gang des 1911 erbauten Hauses. Der studierte Chemiker führt durch seine Hallen, die von außen kaum als Produktionsstandort wahrnehmbar sind. Im Edelstahlkabinett zeigt er auf Kessel, die von ehemaligen Molkereien gekauft wurden. "Wir produzieren klassische Dampfseifen, deshalb ist der Heizeffekt der Kessel nötig. Von 125 Millilitern bis dreißig Liter Kanister packen wir ab."

Mit der Verstaatlichung 1930 kam der ursprünglich vorhandene Maschinenpark zur Herstellung fester Seifen abhanden, man spezialisierte sich auf Weichspüler, flüssige und pastöse Seifen. "Dafür muss es im Herzstück der Fabrik, dem Siederraum, richtig kochen", sagt Mory. Bei Temperaturen um die 90 Grad Celsius wird das Öl in vier gusseisernen Kesseln verseift. Mit vier Angestellten und einer Produktionsgröße von aktuell 200 Tonnen im Jahr zählt Nordpol zu den kleinsten industriell produzierenden Seifenfirmen in Deutschland. "Wir beliefern unsere Waren auch als Rohstoff für den Fachhandel. Wir müssen ausgelastet sein, um laufende Kosten zu decken und haben hierfür wenige, aber große, Endkunden", sagt Mory.

Neben Abnehmern in Nord-und Süddeutschland wird auch nach Schweden, Norwegen und in die Schweiz exportiert. "Eigentlich ist die Seifenproduktion in Glauchau gar nicht bekannt, aber ich kannte eine ehemalige Arbeiterin von hier", sagt Besucherin Mechthild Knape und lässt sich von Mory die chemische Formel zur Verseifung erklären. Erst nach dem Gang durch einen 1931 ehemals mit Brettern verschlagenen angebauten Raum, der heute als Packstation dient, führt Mory einzelne Besucher zum letzten genieteten Dampfkessel in Mitteldeutschland. "Das gute Stück ist aus der Kesselfabrik Karl Guttsche aus Crimmitschau, wurde 1935 eingebaut und fasst 30.000 Liter Wasser." Mit dem Einzug dieses Kessels musste die Esse von 22 auf 27 Meter erhöht werden, eine Tonne Dampf pro Stunde wird produziert. "Wie eine Dampflok ohne Räder", sagt Mory.

Auch für Andreas Hummel war es mit seiner 7-Jährigen Tochter ein interessanter Vormittag. "Es ist schön, dass das Interesse für regionale Denkmäler so groß ist. Ansonsten schaut man sich oft eher kirchliche Bauten an, aber die alte Seifenfabrik ist sehenswert", sagt der Dennheritzer. Nur ein Rätsel bleibt an diesem Tag ungelöst. Wieso die Seifenfabrik eigentlich Nordpol heißt, weiß nicht einmal der jetzige Besitzer.

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