Von der Seele in den Körper

Da ist Musik drin Westsachsen, wie es singt und klingt. Heute: Ballettmeisterin und Pädagogin Ekaterina Tumanova.

Zwickau.

Russisches Chanson. Diese Musik hat viele Facetten, kein anderes Genre vermag die russische Seele so gut darzustellen. Ballettmeisterin Ekaterina Tumanova pendelt täglich mit dem Auto zu ihren vielen Wirkungsstätten, seit 2010 lebt sie in Zwickau. Dabei hört sie russisches Chanson. Den besten Vertretern dieses Musikstils sagt man nach, dass sie leben, um zu singen und singen, um zu leben.

Vielleicht wird die gebürtige Moskowiterin, die seit 1996 in Deutschland lebt und im Jahr 2010 als Tänzerin ans Theater Plauen-Zwickau kam, eines Tages ihre Lieblingslieder in eine Choreografie verpacken und dem Zwickauer Publikum präsentieren. Am Theater ist sie als Ballettmeisterin engagiert. Und: Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Musik aus ihrer Seele direkt in die Körper der Darsteller übersetzt und so auf die Bühne bringt. So hat sie es schon einmal mit dem Fado-Lied "Que deus me perdue" getan, das übersetzt aus dem Portugiesischen "Möge mir Gott verzeihen" heißt. Es handelt übrigens nicht - wie der Titel vermuten lässt - vom Verbrechen, sondern von der Liebe. Choreografiert hat sie ihre herzzerreißend schöne Tanzminiatur für ihre Zwillingsschwester Elena als Beitrag für das Stück "Identity", mit Choreografien der Mitglieder der Tanzkompanie des Theaters Plauen-Zwickau. Als Elena sich in der vorletzten Spielzeit von der Bühne verabschiedete, tanzte Ekaterina die Miniatur selbst - im Duett mit dem Spanier Adrián Ros Serrano.

"Was du getanzt hast, darfst du nie vergessen", habe ihr eine Lehrerin einst gesagt. Getanzt hat Ekaterina Tumanova viele große Partien in Ballett-Klassikern. Sie hat heute noch alle Melodien im Kopf. Ballett ist Ekaterina Tumanovas Leben. Seit ihrem zehnten Lebensjahr, damals begannen Tumanova und ihre eineiige Zwillingsschwester, die sie immer nur "Lenotschka" nennt, ihre Ausbildung an der Akademie des weltberühmten Bolschoi-Theaters.

Während des Lehrjahre besuchten sie nicht nur unzählige Ballettaufführungen im Bolschoi-Theater, sondern auch Sinfoniekonzerte. "Wir waren so unsagbar stolz, dazu zu gehören. Klassische Musik gehörte genau so selbstverständlich zu unserem Alltag wie das Balletttraining mit Begleitung am Klavier", sagt Ekaterina Tumanova, die wie ihre Schwester nach dem Akademie-Abschluss vom Russischen Staatsballett engagiert wurde.

"Dabei kamen wir eigentlich eher zufällig zum Ballett. Eine Freundin unserer Mutter, die ihre Tochter zu Eignungsprüfungen am Bolschoi-Theater angemeldet hatte, fragte, ob wir es auch versuchen möchten, da wir so sportlich seien. Wir haben damals bereits drei Jahre sehr erfolgreich und mit großem Vergnügen rhythmische Gymnastik trainiert und waren sogar für Kader gemeldet", erinnert sich Ekaterina Tumanova. Sie und Elena wurden an der Akademie angenommen. Die Tochter der Freundin ihrer Mutter nicht.

"In unserem Jahrgang gab es vier erste Klassen mit insgesamt 100 Schülern. Für jede einzelne Stelle gab es 1000 Bewerber. Dass eine von uns es nicht schaffen könnte, das kam uns gar nicht in den Sinn, denn wir haben immer alles zusammen gemacht." In der Ballett-Akademie waren die Schwestern allerdings in unterschiedlichen Klassen: Ekaterina in der klassischen Ballettklasse und Elena in der für Volkstanz. "Neben Musikunterricht hatten wir ganz normalen Schulunterricht. Als Fremdsprache lernten wir Französisch, weil die meisten Ballett-Begriffe aus dem Französischen kommen." Der großen Belastung hielten nicht alle Schüler stand, viele wurden bereits nach dem ersten Halbjahr ausgesiebt, mitunter aus gesundheitlichen Gründen. "Wir hatten großes Glück, dass die Ärztin uns wohlgesonnen war und wir wegen unserer Neurodermitis, die uns bis zum 20. Lebensjahr plagte, nicht ausgemustert wurden, denn wir waren vom ersten Tag an mit größter Begeisterung dabei." Den täglichen Drill empfanden die Zwillingsschwestern als etwas Selbstverständliches, erklärt Ekaterina Tumanova, die zwei Diplome in Pädagogik vorweist. Jedoch: Sie drillt ihre Schüler heute nicht. Sie will ihnen die Liebe zum klassischen Ballett und zur Musik weitergeben. Kindgerecht, mit großem Spaßfaktor - so ist Ekaterina Tumanovas Methode, zu der auch Disziplin und Konzentration gehören. Seit Jahren unterrichtet sie Kindertanz für Kinder ab drei Jahren und Ballett (ab sieben Jahren) sowie Ballett für Kinder ab zehn Jahren und Jugendliche wie Erwachsene am Zwickauer Robert-Schumann-Konservatorium.

Ab 15. August wird sie mittwochs neue Kurse am Stadttheater Glauchau anbieten, an dem sie schon seit Jahren als Dozentin tätig ist. Um 15 Uhr beginnt der Kindertanzkurs für Kinder ab vier Jahren, danach folgen Kinderballett Stufe 1 (sieben bis acht Jahre), Stufe 2 (acht bis zehn Jahre) Ballettkurs für Zehn bis 13-Jährige, und anschließend der Kurs für Anfänger ab 14 Jahren, die Fortgeschrittenen sind um 18.45 Uhr an der Reihe. Die Tage der Ballettlehrerin beginnen oft früh und sind meistens lang.

Auch wenn die neue Spielzeit in Zwickau erst am 8. September beginnt, das Ballettensemble trainiert bereits fleißig für die Schauspielinszenierung "Love Me Tender", die am 17. August im Plauener Parktheater Premiere feiert. Danach wird sich Ekaterina Tumanova als Choreografin der "Lustigen Witwe" widmen, die unter der Regie des Wiener Operettenspezialisten Wolfgang Dosch am 19. Oktober Premiere in der Aula des Pestalozzischule in Zwickau feiern wird.

Also wird sie weiter pendeln. Auch nach Dresden, zu ihrem aus Belgien stammenden Ehemann Mark Boehrmans. Sie sind seit 2006 verheiratet, kennen sich aus der Zeit, als beide als Solisten in Hannover tanzten, danach gingen sie zur Semper Oper - er als Ballettmeister, sie als Tänzerin. Inzwischen ist er Prorektor und Professor für klassischen Tanz an der berühmten Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden. Er wohnt in Dresden in ihrer gemeinsamen Wohnung, sie die meiste Zeit in einer Einraummietwohnung in Neuplanitz in Zwickau. Auf dem Weg zu ihm hört sie wie immer im Auto russisches Chanson. Für die Seele.


Drei Fragen an Ekaterina Tumanova

Wie lange hält bei Ihnen ein Ohrwurm?

Bei mir wird die Musik, mit der ich für die aktuelle Choreografie arbeite, immer zum Ohrwurm. Und so lange ich daran arbeite, bleibt auch der Ohrwurm.

Können Sie Noten lesen?

Ja, Notenlesen habe ich mit acht Jahren an der Musikschule gelernt, wo ich angefangen hatte, Klavier zu lernen. Als ich dann an die Bolschoi-Akademie kam, hatten wir weiter Klavierunterricht.

Was war Ihr schlimmstes Konzert?

Das war zur Abschlussprüfung nach acht Jahren Ausbildung an der Bolschoi-Akademie. Ich stolperte und stürzte bei einer zweifachen Pirouette, landete jedoch im Spagat. Meine Lehrerin sagte dann, dass ich sehr schön gefallen sei. Ich kann mir bis heute nicht erklären, wie ich bei einem Sprung, den ich sonst im Schlaf kann, patzen konnte.

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