Wenn ein Haus blind ersteigert wird

Wieso kauft jemand für fast 400.000 Euro ein Gebäude in Meerane - ohne die Immobilie vorher gesehen zu haben? Der 31-Jährige Tobias Wolf hat genau das getan.

Meerane.

Die Fassade des dottergelben Neubauklotzes ist in die Jahre gekommen. Die Farbe bröckelt an einigen Stellen ab. An anderen ist irgendwann mal in einem anderen Ton ausgebessert worden. "Da müssen wir aber mal streichen", sagt Maria Riegel. Die 25-Jährige hat ihren Lebensgefährten Tobias Wolf nach Meerane begleitet. Der 31-Jährige Schwabe hat vor anderthalb Wochen das Gewerbehaus Am Merzenberg 29 ersteigert - ohne es vorher gesehen zu haben.

"Ich war aufgeregt, wie ein kleines Kind", sagt der junge Investor. Innerhalb von 15 Minuten hat er 386.000 Euro für das Haus am Merzenberg, in dem ein Teppichhändler, ein Getränkemarkt und ein Fitnessstudio untergebracht ist, ausgegeben. Mit einer Bietervollmacht saß Tobias Wolf am Telefon in Schwäbisch Gmünd, um an der Auktion in Berlin teilzunehmen. "Ich bin ein bisschen über mein Limit, das ich mir gesetzt habe, gegangen", sagt Wolf. Die Auktion begann mit einem Mindestgebot von 295.000 Euro, am Ende erzielte die Immobilie, die 1995 gebaut wurde, den höchsten Erlös aller sächsischen Objekte. Wieso macht jemand so etwas? Und wieso investiert man ausgerechnet so viel Geld in Meerane?

"Ich hatte bei dem ganzen Prozess ein gutes Bauchgefühl", sagt der junge Mann. Seine Eltern waren in Sachsen mit dem Rad unterwegs und haben sich das Haus angeschaut. Er selbst hat die Hintergrundrecherche zu der Immobilie übernommen. "Mir ist der persönliche Bezug zu der Region, in der ich investiere, wichtig." In Hamburg, Hannover oder München würde er nichts kaufen. Sachsen ist ihm aber ans Herz gewachsen. "Ich mag die Menschen, das Entschleunigte und Unaufgeregte", sagt er. Neben dem Haus in Meerane besitzt er auch mehrere Wohnungen in Leipzig. Für ein Haus mit Gewerbeflächen hat sich Wolf bewusst entschieden, weil die Mietzeiten länger sind. Dafür sei aber das Risiko höher, falls einer der Händler Insolvenz anmelden muss.

"Wenn man langfristig Erfolg haben will, braucht man den Bezug zur Kommune", sagt Wolf. Ihm ist es wichtig, regelmäßig vor Ort präsent und auch für die Sorgen der Mieter erreichbar zu sein. Als anonymer Immobilienhai will er nicht wahrgenommen zu werden. Deswegen hat er sich auch dazu entschlossen, sich zu seiner Investition in Meerane zu äußern. Wenn Tobias Wolf über Geldbeträge spricht, die andere in ihrem ganzen Leben nicht erwirtschaften werden, fallen häufig Begriffe wie "Gefühl". "Philosophie" und "Menschlichkeit".

Das Geschäft mit Immobilien ist dem 31-Jährigen in die Wiege gelegt worden - auch wenn er, wie er selbst sagt, einige Jahre gebraucht hat, um darin seine Berufung zu sehen. Seit vier Generationen handelt seine Familie mit Immobilien. Tobias Wolf hat sich mit seiner Finanz- und Immobilienberatung erst vor vier Jahren selbstständig gemacht. Dass sein Geschäft heute so gut läuft, führt er auch darauf zurück, dass er selbst erfahren hat, wie es ist, wenig Geld zu haben. Nach seiner Ausbildung zum Bankkaufmann hatte er einen sicheren Job in Aussicht. "Das war aber nichts für mich, ich wollte raus aus der Komfortzone", so Wolf. Ein Jahr lang arbeitete er in der Entwicklungshilfe in Südamerika. Zurück in Deutschland wollte Tobias Wolf zunächst Physiotherapeut werden und investierte alle seine Ersparnisse in die Ausbildung. Nach einem Jahr war die anfängliche Euphorie für diesen Job allerdings verflogen. "Meine Eltern sind fast durchgedreht", sagt er heute.

Der 31-Jährige glaubt an das Märchen vom Tellerwäscher, der zum Millionär wird. "Jeder kann Vermögen aufbauen", sagt er. Er betont, dass er sich seine eigenen Immobilienprojekte selbst finanziert hat - ohne das Geld der Familie im Rücken.

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