Wenn Eltern von Kindern mit Handicap nicht mehr können

Der Familienentlastende Dienst in Glauchau plant eine neue Wohnform für Menschen mit Behinderung. Der Verein betritt damit Neuland.

Glauchau.

Angelika Vogel macht sich Gedanken. Ihre Tochter ist jetzt Mitte 30. Als das damals völlig gesunde Kind sechs Monate alt war, trug sie einen erheblichen Impfschaden davon, der eine schwere geistige und körperliche Behinderung nach sich zog. Ein Schock für die Familie. Kurz nach der Wende gehörte Angelika Vogel zu den Gründungsmitgliedern einer Elterninitiative, aus der sich schließlich der "Verein geistig und körperlich Behinderte Glauchau" entstand, dessen Vorstand sie angehört. Viele Eltern plage eine Sorge. Ihre behinderten Kinder werden älter und die Eltern schließlich auch. Wie wird es den Kindern gehen, wenn die Eltern nicht mehr können oder nicht mehr da sind?

Der Verein, der seinen Sitz im Wohngebiet Sachsenallee hat und dessen Schwerpunkt der Familienentlastenden Dienst ist, will das Angebot an Wohnraum für die behinderten jungen Erwachsenen erweitern. In der eigenen Wohnung beziehungsweise in Wohngruppen sollen sie selbstständig und selbstbestimmt leben, entsprechend den individuellen Wünschen und Bedürfnissen, die die Behinderung mit sich bringt, sagt der Vereinsgeschäftsführer André Resaie. Der Bedarf an Wohnraum werde größer, der Verein könne ihn nicht decken. Deshalb sei im Wohngebiet Sachsenallee ein Pilotprojekt gestartet worden, das mithilfe der Glauchauer Wohnungsgenossenschaft, des Freistaates, der Aktion Mensch und der Stadt Glauchau umgesetzt werden soll. Gespräche mit Angehörigen und den Betreuten hätten ergeben, dass eine private Atmosphäre in einer Wohngemeinschaft mit möglichst vielen sozialen Kontakten und Toleranz sehr wichtig für die Behinderten ist. Leitende Prinzipien des Modellvorhabens seien, die Selbstständigkeit und Selbstbestimmung der Bewohner so weit wie möglich zu erhalten, ihnen Alltagsvertrautheit und eine individuelle, bedarfsgerechte Lebensgestaltung zu ermöglichen und gleichzeitig Versorgungssicherheit und Wohlbefinden zu gewährleisten. Bewohnern in diesem Gebiet biete das Vorhaben somit die Möglichkeit, im Wohngebiet Sachsenallee zu leben und in eine passende Wohngruppe zu ziehen. Das Angebot werde durch Betreuungs- und Dienstleistungen ergänzt, um eine stationäre Unterbringung zu vermeiden beziehungsweise hinauszuzögern.

Konkret geplant sind laut Resaie zwei Wohngemeinschaften für jeweils maximal acht Personen. Eine Wohngemeinschaft setzte sich aus dem eigenen privaten Zimmer des Bewohners und den Gemeinschaftsräumen wie Küche, Wohnraum, Flur und Sanitärbereich zusammen. Bei all diesen Räumen seien die Flächen so geplant, dass genügend Bewegungsfreiheit für Rollstuhlfahrer und die Betreuungs- beziehungsweise Pflegekraft gegeben ist. Wichtig sei ein barrierefreier Zugang. Deshalb sollen in die Wohnhäuser Fahrstühle eingebaut werden.

Das Vorhaben des Vereins ist aus Sicht der Stadtratsfraktion der Linken zu unterstützen. Der Verein leiste seit vielen Jahren eine anerkannte Arbeit in der Stadt und darüber hinaus. Nach Vereinsangaben stehen 17 Mitarbeiter in Lohn und Brot, hinzu kommen zahlreiche ehrenamtliche Helfer. Die Familien, die unterstützt werden, kommen unter anderem aus Glauchau und den angrenzenden Regionen Meerane, Dennheritz, Zwickau. Den behinderten Menschen werden vom Kindesalter an soziale Kontakte ermöglicht, Freizeit- und Entlastungsangebote für die Woche, das Wochenende, in den Schulferien oder arbeitsfreien Tagen und Feiertagen organisiert. Zudem gebe es Übernachtungsangebote für behinderte Menschen, um im Urlaub oder in Notfällen für sie da sein zu können.

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