Wie ein Klempner die Fürstenbüste rettete

Das einstige Denkmal von Otto Victor im Lustgarten sollte nach dem Krieg entfernt und zerstört werden. Dann entschied sich ein Handwerker für eine Tat, die ihn ins Gefängnis hätte bringen können.

Waldenburg/Callenberg.

Als der Zweite Weltkrieg vorbei war, Waldenburg unter sowjetischer Besatzung stand und Fürst Günther von Schönburg-Waldenburg verhaftet und enteignet wurde, erhielt der Klempnermeister Ernst Schubert einen Auftrag. Er sollte die Büste von Otto Victor (1785-1859) aus dem Lustgarten in Waldenburg entfernen und einschmelzen. Dem Großvater von Günther, der unter anderem das Lehrerseminar und das Naturalienkabinett ins Leben rief, wurde damit einst ein Denkmal gesetzt. Doch eine Huldigung oder Erinnerung an die Adelsfamilie war unter der neuen Besatzung und in der späteren DDR nicht mehr erwünscht.

Und Ernst Schubert erfüllte seinen Auftrag - zumindest den ersten Teil. Er entfernte das 100 Kilogramm schwere Bronzestück. Doch es zu zerstören, das brachte er nicht übers Herz. "Es hat ihm einfach leid getan", sagt Siegrid Zobelt über die Weigerung ihres Großvaters, das Kunstwerk verschwinden zu lassen. "Er war ein alter Waldenburger, in der Feuerwehr aktiv und mit dem Ort verbunden." Die Enkelin des Klempners Schubert lebt heute in Callenberg und war viele Jahre lang eine der wenigen, die wussten, dass die Büste nie eingeschmolzen wurde, sondern immer in Schuberts Haus am Waldenburger Marktplatz war. Über 60 Jahre lang, nahezu unauffindbar. Denn der Klempnermeister mauerte sie in seinen Keller ein.


"Dafür wäre er ins Gefängnis gekommen", sagt Enkelin Siegrid Zobelt. Kein Wunder, dass sie und ihre Familie nie davon erzählten. Auch nicht, als ihre Mutter, Ernst Schuberts Tochter, Ende der 1980er-Jahren aus dem väterlichen Haus nach Callenberg zog - mitsamt der Büste. Zobelts inzwischen verstorbener Ehemann hat sie damals ausgegraben. Wie genau einst ihr Großvater die Tat bewerkstelligte, weiß sie nicht. Denn der war 1945 bereits 70 Jahre alt, hatte beim Abbau und Versteck der Büste vermutlich Hilfe. Aber wie kam er um einen Nachweis der eingeschmolzenen Bronze herum? Wer war der Auftraggeber? Siegrid Zobelt zuckt mit den Schultern. "Wer etwas dazu sagen könnte, lebt nicht mehr."

Nur der Zufall half, dass die Büste dorthin kam, wo sie heute steht: ins Waldenburger Museum. Christel Mehlhorn, Mitglied im Waldenburger Geschichtsverein, unterhielt sie sich 2011 mit einer Bekannten, die vorgab zu wissen, wo die Büste ist. "Ich dachte zuerst, sie spinnt", sagt Mehlhorn. Nach einigen Rückfragen und Vortasten nahm der Verein Kontakt mit der Familie Zobelt auf. Und die entschied sich, die Büste im August 2011 wieder nach Waldenburg zu übergeben. "Zivilcourage" nennt Christel Mehlhorn die Tat von Ernst Schubert.

Zur Eröffnung der neuen Begleitausstellung im Naturalienkabinett war Siegrid Zobelt Ende 2018 wieder in Waldenburg - und war enttäuscht. "Früher gab es ein Schild mit einem Hinweis auf meinen Großvater", sagt sie. In der neuen Ausstellung ist er nirgends erwähnt. Warum? "Bei Schenkungen werden normalerweise Vereinbarungen getroffen, wie das Objekt ausgestellt werden soll, welche Namen genannt werden", erklärt Fanny Stoye, derzeitige Leiterin des Hauses. "Doch solche Vereinbarungen gab es in dem Fall nicht."

Und die alte Tafel konnte für den neuen Raum nicht mehr verwendet werden. Bei Führungen werde die Geschichte aber stets erzählt. "Ich denke, eine Ergänzung mit dem Namen von Ernst Schubert ist möglich", so Stoye. Siegrid Zobelt würde das jedenfalls gefallen. Ernst Schubert starb 1961, ein halbes Jahrhundert, bevor die Fürstenbüste wieder öffentlich sichtbar wurde. Weil es ihm, den einfachen Handwerker, einst nicht egal war, was mit einem Stück Geschichte seiner Heimatstadt geschieht.

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