Wie man einer alten Schule neues Leben einhaucht

Als das Eurogymnasium Waldenburg vor 25 Jahren gegründet wurde, war es eine der ersten Privatschulen Sachsens. Für die Region eine Pionierarbeit.

Waldenburg.

Gudrun Friedrich kann sich genau daran erinnern, wie ihr einstiger Nachbar Dietmar Sieber sie fragte, ob man nicht gemeinsam eine Schule gründen wolle. "Da stand ich gerade im Garten und habe Holz gehackt", sagt sie - vielleicht ein Vorzeichen dafür, was den beiden und ihren Mitstreitern in den nächsten Jahren noch an Arbeit bevorstand.

Es war 1993, kurz nach der Wende. "Private Schulen gab es zu DDR-Zeiten nicht", so Friedrich. Und eine staatliche Neugründung in Waldenburg war zu diesem Zeitpunkt ausgeschlossen. Aber Sieber, ein Zahnarzt, der 1998 verstarb, wollte an die Bildungstradition der Stadt anschließen - im Gebäude des einstigen Fürstlich Schönburgischen Lehrerseminars, in dem er in den 1940er-Jahren als Oberschüler noch selbst sein Abitur bekam. Auch Gudrun Friedrich hatte eine Verbindung zum Haus: "Mein Vater war hier früher Schulleiter. Ich habe immer davon geträumt, hier als Schülerin durch die Gänge zu gehen." Weil die Schule aber in den 50er-Jahren geschlossen wurde, kam es nie dazu.

Umso größer war ihr Ehrgeiz, als sie mit Nachbar Sieber und 21 weiteren Personen im Grünfelder Park den Förderverein gründete. "Am 16. Juni war das", erzählt Friedrich, ohne dass sie das Datum nachschlagen muss. Es war die Geburtsstunde des heutigen Schulkomplexes des Europäischen Gymnasiums, das längst weit über die Stadt hinaus anerkannt und gefragt ist.

Heute hat nahezu jede Schule der Region einen solchen Förderverein, der Anliegen der Schule unterstützt. "Das ist inzwischen normal. Damals war es neu", so Friedrich. Der Förderverein aus Waldenburg verrichtete somit ein gutes Stück Pionierarbeit im Bildungswesen.

25 Jahre nach der Gründung sitzt Lehrer Stephan Grünwald in seinem Büro im Gymnasium. Er war damals Mitte 30, Berufsschullehrer - und war einst ebenfalls in der Glänzelmühle dabei. "Da haben wir aus Versatzstücken von Vereinssatzungen unsere eigene zusammengeschnipselt", sagt er. Einen Verein zu gründen, ist das eine. Aber wie gründet man eine Schule? "Schnell wurde klar, ein extra Trägerverein muss her", erzählt Grünwald und holt ein paar Chroniken heraus, die mit Bildern und Zeitungsartikeln gespickt sind. Ein Konzept mit humanistisch-sprachlichem Profil wurde geschrieben und Ministerpräsident Kurt Biedenkopf übergeben. Dann ging es ans Geldsammeln. Im Sommer 1994 kam schließlich die Genehmigung. Grünwald: "Kurz vor Schuljahresbeginn. Da haben wir noch einmal geschwitzt." Damit war das Europäische Gymnasium eine der ersten Privatschulen Sachsens. Die allererste mit einem Verein als Träger. Der Start: Klasse 5 bis 9 mit 205 Schülern.

Materiell habe es an allen Ecken gefehlt. "An Technik war nix da. Ein alter Projektor für ein Klassenzimmer, mehr war nicht drin", so Grünwald. Als zu Weihnachten 1995 in das neu angeschaffte Informatik-Kabinett eingebrochen und alle Technik gestohlen wurde, lagen die Nerven blank. Heute muss Grünwald fast schmunzeln, wenn er davon erzählt. "Damals war es eine hässliche Geschichte."

Auch anderswo musste sich die Schule beweisen. "Anfangs gab es Skepsis", sagt Grünwald. "Dass Eltern Schulgeld bezahlten, war unüblich." Der Verein habe zwei Devisen gehabt: Das Schulgeld soll nicht über dem Kindergeld liegen. Und niemand wird hängen gelassen, weil er es sich nicht oder nicht mehr leisten kann. Das gelte bis heute.

Trotz harter Anfangsjahre: "Diese Zeit hat zusammengeschweißt", sagt Stephan Grünwald. "In den Ferien waren wir in der Schule und haben die Zimmer hergerichtet." Auch davon hat er Fotos in den Chroniken. Lehrer in Latzhosen und mit Farbeimern. Inzwischen gehören zur Einrichtung neben Oberschule und Internat für ausländische Schüler auch seit 20 Jahren die Jugendkunstschule. Und: 1998 wurde in der Töpferstadt nach 40 Jahren erstmals wieder ein Abitur-Jahrgang entlassen. Dieses Wochenende wird im Rahmen der Schulfeier ein Alumni-Klub gegründet, eine Vereinigung bisheriger Absolventen. Einige davon engagieren sich nun selbst für die Schule, wie Anett Frischmann aus der Geschäftsstelle oder Harald Evers aus dem Vorstand der Schulstiftung. Grünwald: "Sie tragen unsere Gedanken und Ideen weiter."

Auch Gudrun Friedrich unterstützt mit ihren 77 Jahren noch die Schule als Vorsitzende des Fördervereins, mit dem alles begann. 2010, als sie längst in Rente war, half die frühere Chemie- und Mathelehrerin sogar noch einmal am Eurogymnasium aus. Auch wenn ihr Traum von der Schülerlaufbahn im ehemaligen Fürstlich Schönburgische Lehrerseminar unerfüllt blieb: Zumindest als Pädagogin durchschritt sie so noch einmal die Gänge des Gebäudes, an deren Wiederbelebung sie maßgeblich mitgewirkt hat.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare
Um zu kommentieren, müssen Sie angemeldet und Inhaber eines Abonnements sein.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...