Wie umgehängter Wand-Kitsch eine Subkultur mitprägte

Zu DDR-Zeiten wurde Nonkonformität auch mit subtilen Accessoires und Kleidungsstücken ausgelebt. Eine tragende Rolle spielte der Hirschbeutel.

Hohenstein-Ernstthal.

Die Vorgeschichte für ein nicht alltägliches Projekt des Textil- und Rennsportmuseum Hohenstein-Ernstthal hält viele besondere Episoden parat. Die erste liegt Jahrzehnte zurück. Zu DDR-Zeiten gab es in der Blueser- oder Tramperszene, die für eine etwas andere Jugendkultur stand, als im Sozialismus üblich, besondere Markenzeichen. Die Anhänger hatten einige Ideale der Hippies übernommen, wollten nicht unbedingt konform sein und trugen beispielsweise Parka und Römerlatschen als typische Kleidungsstücke. Wer wirklich etwas auf sich hielt, nähte sich auch noch einen sogenannten Hirschbeutel. "Dafür wurden die gewebten Wandbilder verwendet, die es in vielen Wohnungen gab", weiß Marina Palm, Leiterin des Textil- und Rennsportmuseum. Auch in Hohenstein-Ernstthal wurden diese Bilder gewebt. Es gab eine Vielzahl von Motiven von der kitschigen Landschaft bis zur Märchenszene. Sehr bekannt war unter anderem auch der röhrende Hirsch. Der wiederum begeisterte die Szene, deren Mitglieder kurzerhand zu Hirschbeutelträgern wurden.

Auch Holger Haustein sieht sich als ein solcher. Der gebürtige Oberwiesenthaler lebt seit mehr als 15Jahren am Yukon in Kanada, weit oben im Norden. Hier gibt es viele Aussteiger und Musiker. Auch Haustein ist als Musiker "Driftwood Holly" bekannt und tourt derzeit durch seine alte Heimat Sachsen, ehe es Anfang Dezember noch ein paar Konzerte an der Ostsee gibt. Für sich und seine Anhänger wünscht er sich ganz spezielle Hirschbeutel, die eigentlich Mammutbeutel heißen müssten. Denn als Motiv zeigen sie den Musiker selbst, der mit einem großen Notenschlüssel durch die Wildnis wandert und auf ein noch größeres Mammut trifft. "Das ist schon ungewöhnlich, aber soll bestimmt den Bezug zu seiner Heimat Kanada herstellen. Dort gab es die Mammuts ja mal", vermutet Thomas Zinke, Mitarbeiter des Textil- und Rennsportmuseums.

Er hat den Stoff für die Beutel auf den alten Webstühlen des Museums gewebt. Dafür waren allerdings einige Vorarbeiten nötig. Mit Hilfe einer Firma aus Niederwiesa wurden die Lochkarten gefertigt, die sozusagen das Betriebssystem des alten Webstuhls sind. Rund 2000 einzelne Karten sind für das Motiv nötig. Sie entstanden mit elektronischer Hilfe. "Es geht auch von Hand, aber dann hätte die Vorbereitung für das Weben bestimmt zwei Monate gedauert", sagt Zinke, der selbst die Technik zur Lochkartenerstellung beherrscht.

Das Bild, das "Driftwood Holly" selbst zur Verfügung gestellt hatte, wird dank der ausgeklügelten Technik der Webstühle in rund 20 Minuten gewebt. Zunächst war der Musiker mit der Umsetzung allerdings nicht ganz zufrieden, doch als Thomas Zinke mit etwas kräftigeren Garnfarben arbeitete, wurde man sich schließlich einig. Insgesamt wurde Stoff für 100 Hirschbeutel mit Mammutmotiv bestellt. "Solche Projekte sind wichtig, denn die alten Maschinen müssen ab und zu laufen", sagt Thomas Zinke, der auch schon besondere Stoffe für Oldtimerrestaurierungen oder alte Möbel gewebt hat.

Am 18. November soll es passend zum Projekt ein Treffen der Hirschbeutelfans im Textil- und Rennsportmuseum geben. Ab 16.30 Uhr wird nicht nur gezeigt, wie Stoff und Beutel entstanden sind. Musik macht "Driftwood Holly" ebenfalls. Unter anderem will er zum Rhythmus des Webstuhls spielen, auf dem der Stoff für seinen Mammutbeutel entstanden ist. Laut Museumschefin Marina Palm werden für diesen Tag oder auch als Dauerleihgabe für das Museum noch echte Hirschbeutel aus DDR-Zeiten gesucht.

Erreichbar ist das Museum unter der Rufnummer 03723 47711.

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