Wie viel Lichtenhagen steckt in Zwickau?

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Darf man diese Frage einfach so stellen? Man muss, denn OB Arndt fährt am Donnerstag nach Rostock. Dort nimmt sie an einem Kolloquium zum 30. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen in Lichtenhagen teil. Die Einladung hat sie nicht zufällig bekommen.

Zwickau.

Es ist eine zugespitzte Frage: Wie viel Lichtenhagen steckt in Zwickau? Tatsächlich gibt es einen Zusammenhang zwischen der Robert-Schuman-Stadt und Ros-tock-Lichtenhagen, wo sich vor 30 Jahren unfassbare rassistische Ausschreitungen zugetragen haben. Am Donnerstag fährt Zwickaus Oberbürgermeisterin Constance Arndt (Bürger für Zwickau) zu einem wissenschaftlichen Kolloquium in die Hansestadt. Das Thema der Veranstaltung lautet: "Kommunale Erinnerung - Kommunale Verantwortung". Es geht um die Ereignisse 1992 in dem Rostocker Plattenbaugebiet und auch um die Frage, wie man mit rassistischer Gewalt umgeht. Arndt hat dazu eine Einladung aus der Hansestadt erhalten.

Das war kein Zufall. Zwickau ist ebenfalls eine gebrannte Stadt - ebenso wie Hoyerswerda, Mölln und Nürnberg. Auch aus diesen Städten wurden die Bürgermeister zu dem Kolloquium eingeladen. "Hintergrund sind die gemeinsamen historischen Erfahrungen in Verbindungen mit ausländerfeindlichen Pogromen und dem NSU", sagt der amtierende Rostocker Oberbürgermeister Steffen Bockhahn (Die Linke). Es gehe auch darum, die Werte der Demokratie zu bewahren, und diese Aufgabe verbinde Rostock besonders auch mit der Muldestadt Zwickau.

OB Arndt war in der Zeit der Ereignisse von Rostock 15 Jahre alt. "Ich erinnere mich mit Schrecken an die Bilder von dem brennenden Haus und den Leuten, die es mit Molotowcocktails beworfen haben. Und an die Leute, die Beifall klatschten", sagte Arndt am Dienstag zur "Freien Presse". Bis jetzt könne sie nicht begreifen, was Menschen antreibe, so etwas zu tun. Auch heute müsse man auf der Hut sein. "Wir müssen Leute mitnehmen, die sich abgehängt fühlen", so Arndt weiter.

In Zwickau gab es laut Polizei im vergangenen Jahr 113 Straftaten mit rechtsextremen Hintergrund, im Jahr davor 86. Der Gedenkort für die Opfer des NSU-Terrors wurde 2019 geschändet, mehrfach wurden Gedenkbänke beschädigt. Immer wieder gibt es Hakenkreuzschmierereien, Menschen werden von Neonazis bedroht. "Es ist gut, dass Frau Arndt die Einladung nach Rostock angenommen hat und zeigt, dass die Stadt offensiv mit dem Thema umgeht", sagt die frühere Zwickauer OB Pia Findeiß (SPD). Die Frage konkret: Wie viel Lichtenhagen steckt in Zwickau? "Leider noch zu viel", antwortet das ehemalige Stadtoberhaupt. Das zivile Engagement sei gut, aber noch viel zu wenig Leute hätten begriffen, welche Gefahr vom Rechtsextremismus ausgehe. Der Hass im Netz und auf der Straße könne immer wieder dazu führen, dass Menschen auch tätlich angegriffen würden, sagt Findeiß.

Auch ihr Vorgänger Rainer Eichhorn (CDU) äußert sich dazu. "Leider gilt noch der Spruch von Brecht: Der Schoß ist fruchtbar noch", sagt Eichhorn. "Leider auch bei uns in Sachsen. Deshalb will ich alles tun, damit niemand meint, das erledigt sich von allein."

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