Wolkenburg hat wieder eine Hängebrücke

Ein riesiger Kran hat den Stahlkoloss gestern über der Mulde platziert. Bevor die neue Verbindung freigegeben wird, muss ein anderes Bauwerk wieder abgerissen werden.

Wolkenburg.

Kräne sind auch nur Menschen und brauchen Motivation. Dieser Gedanke scheint gestern Vormittag die Mädchen und Jungen der Kita Kinderland Muldental in Wolkenburg anzutreiben, die einen Ausflug zur Baustelle am Fluss machen. "Hau-ruck, hau-ruck", rufen sie um laut, als die neue Hängebrücke bewegt werden soll. Und tatsächlich: Wenige Sekunden später erhebt sich das etwa 50 Meter lange und 32 Tonnen schwere Bauwerk von den Metallschienen, auf denen es bislang am Ufer gelagert wurde, und gewinnt immer mehr an Höhe.

Dass der Kran der Aufforderung der Kinder Folge leistet, ist das Verdienst von Dietmar Steiner. Der 60-Jährige bewegt routiniert die Knöpfe und Hebel im Führerstand. Immer wieder sucht er den Blickkontakt mit den Arbeitern auf der Baustelle, die ihn einweisen und die Brücke mit Seilen in Position halten. "Wenn die Leute mitarbeiten, geht es immer gut", erklärt Steiner. Der Mühlauer navigiert die Brücke sicher an Bäumen vorbei, bis sie sich über der Zwickauer Mulde befindet. Dass der Stahlkoloss dabei zum Teil nur 20Zentimeter über den Arbeitern schwebt, die auf dem bereits am Ufer montierten Brückenteil stehen, scheint niemanden zu stören.

Marlis und Thomas Bretschneider halten lieber etwas mehr Abstand. Die Wolkenburger gehören zu den etwa 40 Schaulustigen, die das Schauspiel beobachten und Fotos machen. "Ich staune, wie schnell das geht", sagt Marlis Bretschneider, die gemeinsam mit ihrem Mann an der Mühlenstraße wohnt, nur wenige Meter von der Brücke entfernt. Beide freuen sich, dass es nach drei Jahren endlich wieder eine kurze Verbindung in Richtung Kaufungen gibt. Gerade für Ausflügler und Wanderer sei dies wichtig. Ein wenig sehnt sich Thomas Bretschneider an die alte Hängebrücke zurück, die wegen ihres Schaukelns eine Attraktion war und nach Beschädigungen im Zuge des Hochwassers 2013 abgerissen wurde. Aber auch die neue Brücke sei in Ordnung, sagt der 63-Jährige. "Die Farben sind gut, sie sind nicht so auffällig."

Mit seinen Grau- und Blautönen sticht das 1,1 Millionen Euro teure Bauwerk in der Tat nicht ins Auge - erst recht nicht im Herbst, wenn die Bäume ringsherum in Gelb und Orange leuchten. Die Natur gefällt auch Kranfahrer Steiner. "Am Wasser zu arbeiten, ist immer ein Spektakel", sagt der Mühlauer. Brücken habe er nicht jeden Tag am Haken. Als außergewöhnliche Herausforderung möchte er die Aufgabe in Wolkenburg aber nicht verstanden wissen. Zielsicher setzt Steiner die Brücke auf den Widerlagern ab. Seit dem Anheben des Stahlkolosses ist nur eine halbe Stunde vergangen. Bauarbeiter befestigen daraufhin die Brücke an beiden Seiten.

"Offenbar ist die Brücke nicht zu kurz", sagt Heike Stelzner und schmunzelt. Wenn es anders wäre, hätte die Bautechnikerin ein Problem. Denn sie zeichnet für die grundlegende Planung der Fußgängerbrücke verantwortlich, die auch von Radfahrern genutzt werden darf. Gemeinsam mit etwa 20 Kollegen des Chemnitzer Planungsbüros Iproplan hat Stelzner eine Exkursion nach Wolkenburg gemacht, um das Ergebnis ihrer Berechnungen zu begutachten. "Sehr gut. Ich bin zufrieden", resümiert sie.

Ein ähnliches Fazit zieht Kranfahrer Steiner - es ist aber nur ein vorläufiges. Bis heute Nachmittag soll er noch eine Rampe und eine Treppe von der Wolkenburger auf die Kaufunger Seite heben, damit die Brücke auch von dort erreichbar ist. Dann kann Steiner den 42 Meter langen Ausleger einfahren und den 300-Tonnen-Kran zurück zum Firmensitz nach Chemnitz steuern.

Bis die Brücke freigegeben wird, dauert es nach Angaben der Stadtverwaltung bis Ende November, je nach Witterung vielleicht auch länger. Die Rampen müssen noch angeschlossen, ein Pfeiler errichtet sowie eine kleine Halbinsel wieder abgerissen werden, die extra für den Kran angelegt wurde.

Die Hoffnung einiger Wolkenburger, die Halbinsel künftig als Badestelle nutzen zu können, erfüllt sich also nicht.

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