358 Bäume gefällt - nur 66 nachgepflanzt

Die Alleen im Landkreis Zwickau lichten sich. Ob das Problem durch Nachpflanzungen am Straßenrand gelöst werden kann, ist fraglich.

Ein Baum in Oberlungwitz wird begutachtet.

Von Andreas Klinger

Die Baumreihen an den Rändern der Bundes- und Staatsstraßen lichten sich im Landkreis Zwickau zusehends - seit mindestens drei Jahren werden dort mehr Bäume gefällt als angepflanzt. Der Baumbestand ist seit 2010 um vier Prozent zurückgegangen.

Das geht aus einer Antwort des sächsischen Wirtschaftsministers Martin Dulig (SPD) auf eine Kleine Anfrage des Landtagsabgeordneten Wolfram Günther (Bündnis 90/Die Grünen) hervor. "Leider haben Straßenbäume bei der sächsischen Staatsregierung keine Lobby", sagt Günther, Vorsitzender und umweltpolitischer Sprecher der Landtagsfraktion der Grünen. Er fordert die Regierung auf, neue Bäume pflanzen zu lassen, wenn an Staats- und Bundesstraßen welche gefällt werden müssen. Das geschehe seit 2015 nicht mehr ausreichend. Allein im vergangenen Jahr seien 358 Bäume an den Bundes- und Staatsstraßen Westsachsens gefällt, aber nur 66 nachgepflanzt worden.

"Das ist absolut nicht akzeptabel", sagt auch der ehrenamtliche Naturschützer Manfred Sonntag aus Oberlungwitz. Gerade bei anhaltender Hitze wie in den vergangenen Wochen seien Bäume enorm wichtig für den Temperaturausgleich. Darüber hinaus dienen sie der Sauerstoffproduktion und als Lebensraum für Tiere. Sonntag glaubt jedoch, dass Ausgleichspflanzungen für gefällte Bäume sinnvoller in Wäldern oder auf Freiflächen sind als entlang einer Bundesstraße. "Die Bäume können dort viel schneller wachsen und die durch Fällungen verloren gegangene Biomasse besser ersetzen." Denn Lärm, Abgase, Streusalz oder Wurzelschäden infolge von Bauarbeiten gefährden nicht nur den Baumbestand. "Es ist auch fraglich, ob die neu gepflanzten Bäume unter diesen Umständen überhaupt hochkommen", erklärt Sonntag.

Zu kämpfen haben derzeit auch die mehr als 100.000 im Frühjahr gepflanzten Bäumchen im Gebiet des Werdauer Waldes. "Es wird erhebliche Schäden wegen der anhaltenden Dürre geben", sagt der Leiter der Abteilung Staatsforst beim Forstbezirk Plauen, Bernd Härtel. Einen genauen Überblick, wie hoch diese ausfallen, haben die Forstleute aber erst im kommenden Frühjahr. "Dann werden wir sehen, welche Bäume wieder austreiben."

Das Landratsamt Zwickau sieht auch die Landwirtschaft in der Verantwortung. Die zeige oft wenig Bereitschaft, Land zur Verfügung zu stellen, da heranwachsende Bäume Schatten auf Anbauflächen werfen und so zu geringeren Erträgen führen. "Wo mit den Landwirten eine Einigung erfolgte, wird jedoch immer nachgepflanzt", sagt eine Sprecherin des Landratsamts. Vorgaben, wie viele Bäume im Jahr neu gepflanzt werden müssen, gebe es allerdings nicht. Straßenbäume würden laut Landratsamt nur dann gefällt, wenn sie entweder krank sind oder den Verkehr gefährden. Das werde im Einzelfall immer von Baumsachverständigen geprüft.

Ronald Peuschel ist der Vorsitzende der Grünen Liga Sachsen. Er sagt, er sehe ein, dass Bäume unter Umständen entfernt werden müssen. Dennoch: "Wir ärgern uns über jeden Baum, der fällt." Peuschel glaubt, dass Fällgenehmigungen zu schnell erteilt und neue Bäume zwar gesetzt, jedoch selten kontrolliert würden. "Es nützt nichts, wenn der Baumnachwuchs wieder eingeht", sagt Peuschel. (mit rdl)

Kommentar: Lobby, bitte laut!

Wenn die Grünen für jeden gefällten Baum am Straßenrand mindestens drei Neupflanzungen fordern, ist das zwar ein guter Ansatz. Allein: Er geht nicht weit genug. Drei oder vier Jungbäume brauchen Jahrzehnte des Wachstums, um in Sachen Sauerstoffproduktion oder Biomasse auf das Niveau der alten Gewächse zu kommen, die teilweise schon mehr als 100 Jahre alt waren, bevor man sie gefällt hat. Einen neuen Baum erst dann zu pflanzen, wenn ein anderer fällt, reicht also nicht. Und: Wenn schon Bäume neu gepflanzt werden, dann bitte nicht nur an Hauptverkehrsstraßen.

Wir brauchen leistungsfähige Wälder. Als Wasserspeicher, als Schattenspender, als Luftreiniger, als Lärmschutz, als prägendes Element unserer Landschaft. Die Trockenheit und Hitze der vergangenen Tage sollten Mahnung genug sein, Natur und Umwelt besser zu schützen. Und ja: Klimaschutz fängt im Kleinen an, in diesem Fall am Straßenrand. Wenn im Landkreis Zwickau 358 Bäume fallen, aber nur 66 nachgepflanzt werden, dann ist das keine Bagatelle. Es ist ein peinlicher Beitrag der Staatsregierung zum Klimawandel und Artensterben. Der Grünen- Landtagsabgeordnete Wolfram Günther erkennt richtig: Straßenbäume haben keine Lobby. Es ist also an ihm und seiner Partei, noch lauter für sie zu sprechen.

1Kommentare
👍0👎2 Interessierte 10.08.2018 Der Osten ist Gold wert für den Westen , da kann man alles ´raus holen , was man selber nicht hat ...

Zitat : Gerade bei anhaltender Hitze wie in den vergangenen Wochen seien Bäume enorm wichtig für den Temperaturausgleich. Darüber hinaus dienen sie der Sauerstoffproduktion und als Lebensraum für Tiere ....
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