Jeden zweiten Tag fliegt einer raus

Heute ist Tag der Wohnungslosen - oft keine einfachen Menschen, immer mehr sind psychisch krank. "Wir versuchen zu reparieren, um den sozialen Frieden zu erhalten", sagt der Leiter der Wohnungslosenhilfe Zwickau.

Zwickau.

Seit einem Vierteljahr ist der Wohnungslosentreff an der Römerstraße 11 in Zwickau am Wochenende geschlossen. Die Stadtmission sah sich außerstande, die Öffnungszeiten personell abzudecken. "Wenn es kalt wird, wollen wir aber wieder öffnen", sagt Petro Richter, Leiter der Wohnungsnotfall- und Straffälligenhilfe. Knapp 16.000 Euro, die der Sozialausschuss der Stadt jetzt zusätzlich zur Verfügung gestellt hat, sollen das ermöglichen. "Es ist ein kleiner Schritt in Richtung eines sicheren Betriebs des Tagestreffs", sagt Richter.

Die Obdachlosen - 20 bis 25 nutzen den Tagestreff für gewöhnlich - werden immer schwieriger, Polizeieinsätze häufen sich, immer mehr Klienten sind psychisch krank. "Sie zeigen Auffälligkeiten, die oft genug zu Situationen führen, die einer allein nicht mehr handhaben kann", sagt Richter, der verfügt hat, dass immer wenigstens zwei Mitarbeiter im Tagestreff sind.

Richter geht es nicht darum, ob jemand verschuldet oder unverschuldet abgerutscht ist. "Die Menschen sind oft krank. Wir versuchen, ihnen zu helfen, zu reparieren, um den sozialen Frieden zu erhalten."

Insgesamt kümmern sich 16 Mitarbeiter der Stadtmission hauptamtlich um Wohnungslose im Landkreis. Jedes Jahr klopfen mehr Menschen an deren Tür, um sich Hilfe bei drohendem Verlust zu holen oder bei der Suche nach einem neuen Dach überm Kopf. 2017 haben rund 500 Menschen die Beratungsstellen im Landkreis aufgesucht. In diesem Jahr sind es bereits 441 Menschen, sagt Petro Richter, der sich freut, wenn die Betroffenen nicht erst kommen, wenn alles zu spät ist. "Es ist so viel aufwendiger, wenn die Wohnung erst weg ist. Wir Sozial- arbeiter legen daher Wert darauf, Wohnungsverlust zu vermeiden", sagt Richter. Seit Jahren ist die Zahl der Zwangsräumungen hoch, Richter zufolge waren es im Vorjahr im Amtsgerichtsbereich Zwickau 164 Menschen, teils mit Kindern, die auf der Straße standen. Richter: "Das heißt, beinahe jeden zweiten Tag fliegt jemand aus seiner Wohnung."

80 Frauen und Männer nutzen die Postfächer, die der Tagestreff zur Verfügung stellt. Rund 120 Frauen und Männer betreuen die Mitarbeiter der Stadtmission ambulant in deren neuen Wohnungen. "Bei denen, die das wirklich wollen, klappt das auch", sagt Richter.

Gemeinsam mit dem Landkreis habe man nun auch das Projekt "Ambulant betreutes Jugendwohnen" gestartet. Sieben Jugendliche werden darin betreut. Ziel ist zudem, eine Wohngemeinschaft aufzumachen. Die Sozialarbeiter erhoffen sich damit, schneller reagieren zu können, wenn Jugendliche wegen Streits mit den Eltern, aus Angst vor Gewalt oder Prostitution auf der Straße liegen. 2017 kamen 125 Mädchen und Jungen deswegen zur Stadtmission. Beim Verein "Gemeinsam Ziele erreichen", der unter anderem Streetwork in Eckersbach anbietet, sind im April 40 Jugendliche aufgeschlagen, die von Sofa zu Sofa wechseln. Seit Jahresanfang gibt es neben der Beratungsstelle in der Römerstraße in Zwickau auch eine im Glauchauer Bahnhof. Die habe sich als große Hilfe für den Raum Glauchau, Meerane und Crimmitschau erwiesen, sagt Richter.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe prognostiziert für das Jahr 2018 einen Anstieg der Betroffenen deutschlandweit um 350.000 Menschen auf dann 1,2 Millionen.

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2Kommentare
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  • 2
    0
    Zeitungss
    12.09.2018

    Der verschwundene DSDSMensch (Star wäre falsch), bringt die Menschheit schon eher in Wallung, wenn man dieses Forum einigermaßen verfolgt. Wir haben es seit der Wende schon zu einigen Vorzeigeobjekten gebracht, es ist eines davon. Was auch immer der Grund dafür sein mag, es wird um jeden Cent gefeilscht, bei unseren Gästen spielt Kohle überhaupt keine Rolle. Ich glaube, ich bin schon wieder in der rechten Ecke, was für die Zensur nicht gerade fördernd ist.
    Wir sind eines der reichsten Länder, das obige Bild und die Überschrift kann es nicht besser verdeutlichen.

  • 1
    0
    aussaugerges
    11.09.2018

    Der Real existierenden Imperialismus.



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