Als würde man sich ewig kennen

Der Fußballkommentator und Moderator Reinhold Beckmann trat am Sonntag in Lichtentanne auf - als Sänger.

Lichtentanne.

Den meisten der 160 Besucher, die am Sonntagabend in die Lichtentanner St.-Barbara-Kirche gekommen waren, dürfte der Name Reinhold Beckmann nur im Zusammenhang mit dessen Arbeit TV-Moderator bekannt gewesen sein. Im Scheinwerferlicht der Kleinkunstbühne erlebten sie einen anderen Beckmann. Einen, der mit seiner Liebe zur Interpretation selbst geschriebener Songs nicht hinterm Berg hielt. Zugute kam dem 63-Jährigen seine warme Stimme, die zu seinen gefühlvollen, mitunter aber auch frechen Texten passte.

Ganz neu ist für Beckmann die Rolle des Sängers und Songwriters nicht. "Ich hatte schon immer ein Faible für Musik, stand aber eben nicht professionell auf der Bühne", erinnert sich Beckmann. "Das ging erst nach einem liebevollen Tritt in den Hintern los, den mir vor einigen Jahren zwei Musiker aus der Band von Ina Müller verpassten." Inzwischen hat Beckmann schon zwei Alben auf den Markt gebracht.

Nach Lichtentanne kam er nicht mit seiner kleinen Band, sondern zusammen mit dem Gitarristen Johannes Wennrich. Das Duo präsentierte sich als eingespieltes Team mit beiderseits künstlerischen Freiräumen. Das allein wäre schon ausreichend gewesen, dem Publikum einen attraktiven Abend zu bieten. Aber der gestandene Fernsehjournalist machte an dieser Stelle nicht Halt, sondern legte als kurzweilige Plaudertasche kräftig nach. Er schreckte dabei selbst vor augenzwinkernden Sticheleien in Richtung der Veranstalter vom Liederbuch-Verein nicht zurück. "Wir fanden uns etwas strebermäßig eine halbe Stunde zu früh vor der Tür ein, und kein Mensch war da. Uns kamen schon Zweifel, ob wir wirklich richtig waren oder womöglich in der großen Kirche nebenan erwartet wurden. Ein Blick ins Innere durch eines der Fenster auf die Technik machte uns aber Hoffnung, und 20 Minuten später tauchte dann auch jemand auf, der uns öffnete", gab er schmunzelnd zum Besten. Auch zu jedem der Lieder fand er ein paar erklärende Worte. Beispielsweise berichtete er über Erlebnisse in seiner ersten WG in Marburg. Dort wurde er als 17-Jähriger von alten Kommunarden auf die gefürchtete Gewissensprüfung als Wehrdienstverweigerer vorbereitet. "In der Wohnung wurde jeden Abend über die bevorstehende Revolution debattiert, die am nächsten Tag kommen sollte." Sein Resümee nach all den Jahren: Heute seien die Revolutionäre von damals gestandene Kleinbürger oder sogar Leiter von CSU-Ortsvereinen.

Die unbeschwerte Art kam an. "Ich hätte mich geärgert, wäre ich heute nicht hierher gekommen. Der Mann ist musikalisch und rhetorisch Spitze. Starallüren scheinen im völlig fremd zu sein", sagte Matthias Jost aus Gera. "Er ist mit uns als Publikum umgegangen, als würden wir uns schon ewig kennen."


Einen Monat für
nur 1€ testen.
Verlässliche Informationen sind jetzt besonders wichtig. Sichern Sie sich hier den vollen Zugriff auf freiepresse.de und alle FP+ Artikel.

JETZT 1€-TESTMONAT STARTEN 
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.