Begnadeter Zeichner liebt die Vielfalt

Die neue Ausstellung der Albrecht-Mugler-Stiftung ist ein bildgewaltiger Querschnitt durch das Schaffen des Leipzigers Frank Ruddigkeit. Er malte das Leben.

Gersdorf.

Die Blicke der Besucher wandern - ganz zwangsläufig. Denn das Bild misst 2,30 Meter in der Länge und ist 1,10 Meter breit. Im Werk "Musik und Zeit" ist viel Platz für Motive. Davon gibt es eine ganze Menge. Genau genommen hängen zwei Entwürfe dieser Größe in der Gersdorfer Richter-Villa der Albrecht-Mugler-Stiftung, vollgepackt mit Szenarien, in die man sich erst mit Augen und Gedanken hineinarbeiten muss. Geschaffen hat sie 1980/1981 der Leipziger Frank Ruddigkeit, gemalt mit Eitempera auf Hartfaser. Gerade in dem Werk wird deutlich, was für Ruddigkeit so typisch ist: Figuren drängen sich in den Vordergrund, lösen sich beim genaueren Hinsehen auf und gehen über in ein anderes Motiv, das den Betrachter erneut zum nächsten leitet. Eine Unmenge an Motiven der Menschheits- und Musikgeschichte, miteinander verwoben auf fünf Quadratmetern.

Mit dem gewaltigen Entwurf beteiligte sich Ruddigkeit einst am Wettbewerb, den Star-Dirigent Kurt Masur Ende der 70er-Jahre für die Gestaltung des neuen Gewandhauses in Leipzig ins Leben gerufen hatte. Den Auftrag für das monumen-tale Deckengemälde im Foyer des Konzerthauses am Augustusplatz bekam damals aber Sieghard Gille.


Für den Künstler kein Beinbruch. Er malt, weil er malen will. Nichts Menschliches ist Ruddigkeit in seiner Kunst fremd: Rauchen, Saufen, Huren, Freizügigkeit, das Leben ohne Halteseil und doppelten Boden - das Menschsein in allen erdenklichen Facetten. Er malt, wie er lebt. Damals. Stifter Albrecht Mugler sagt von ihm: "Er hat mehr gelebt als manch anderer in 200 Jahren schaffen würde." Er habe ihn kennengelernt als einen Menschen, der sich nie Normativen und Zwängen unterworfen hat. Seine Motive sind aus dem Leben gegriffen und unglaublich vielschichtig. Leben auf der Straße, Revolution, Steckenpferd, Michelangelo, Lappland, Verwaltung, Katzen, Tanz, Oper, Tod, die Forderung "Nie wieder Krieg" und Vertreibung. Ruddigkeit ist selbst ein Vertriebener. 1939 geboren, mit neun Jahren von Grenzberg in Ostpreußen samt Familie ausgebürgert, kam er nach Deutschland, studierte 1957 bis 1962 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Das machte ihn zum begnadeten Zeichner. Bereits nach dem Studium begann seine Lehrtätigkeit, die 1981 in der Berufung zum Professor in Halle gipfelte. Seine Vita listet Auszeichnungen auf: Schönste Bücher des Jahres, Kunstpreis des FDGB, Kunstpreis der Stadt Leipzig, Kunstpreis der DDR, Medaille und Erft-Preis auf der Grafik Biennale in Frechen. Heute lebt Frank Ruddigkeit in einem Betreuten Wohnen als gebrechlicher Mann, der sein Leben gelebt hat. Und, der den Kunstfreunden etwas hinterlässt.

"Bei ihm sieht man sehr deutlich, dass er im Alter viel schneller gemalt hat. Am Anfang waren es saubere Linien und klare Konturen. Dieletzten Werke sind eilig dahin geworfene dicke Pinselstriche", weiß Kuratoriumsmitglied Ines Rudolph.

Beeindruckend sind Ruddigkeits Porträts: Kurt Masur, Gustav Mahler, Fidel Castro. Und "Heidi", die leicht bekleidete Frau, ein Anblick zum Verlieben. Natürlich Blumen. Tatsächlich Stillleben? Ein Blumenstrauß in "Tonkas Schuhe", sauber in einer Vase verstaut, als hätte ihn sich eine junge Mutter eben erst als Schmuck für ihr Wohnzimmertisch gepflückt. Ein anderer Strauß in "Blumenstillleben" scheint vom Sturm fast aus der Vase gefegt zu werden. Auch das ist für Ruddigkeit Stillleben - mit viel Leben drin.

Die Vernissage zur Ausstellung findet am Freitag, 18 Uhr in der Richter-Villa, Stollberger Straße 13 in Gersdorf, statt.

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