Daetz-Zentrum am Scheideweg

Die Dauerausstellung von internationaler Holzbildhauerkunst im Lichtensteiner Daetz-Zentrum steht nach 15 Jahren zur Diskussion. Stadt und Stiftung verhandeln über die Zukunft. Die Zeit drängt.

Lichtenstein.

Die Geschichte einer notleidenden Idee hat drei Seiten: Es geht um Tatkraft und Mut, die das Ganze einst zuwege brachten, dann um Gründe für die Krise und die Frage, wie es weitergeht.

Das fürstlich-schönburgische Palais in Lichtenstein beherbergt seit Sommer 2001 ein Internationales Schnitz- und Kompetenzzentrum für Holzbildhauerkunst. Ideen- und Namensgeber ist Peter Daetz, früherer Siemens-Manager mit Asien-Erfahrung, der nach seiner Pensionierung als Wirtschaftsförderer in Sachsen tätig war.

Daetz und seine kommunalen Partner, die Stadt Lichtenstein und der Landkreis Chemnitzer Land, planten eine Bildhauerschule samt Skulpturenschau, die Kultur, Wirtschaft und Tourismus befruchten sollten. Ein Ort zur Vermittlung kulturellen Wissens, einzigartig in der Welt. Nicht der Kunstwert sollte die Exponate zur Ausstellung qualifizieren, sagt der Stifter, sondern ihre Eignung zur Vermittlung kultureller Werte. Zur Beschaffung der Stücke reiste das Ehepaar Daetz um den halben Globus, beauftragte Künstler und kaufte auf eigene Kosten.

Die Schau zeigt heute mehr als 600 Skulpturen, weitere 250 lagern im Depot. Drei Viertel der Exponate gehören der Daetz-Stiftung. 15 Prozent sind in Familienbesitz, darunter die gesamte ozeanische und die Erzgebirgssammlung. Im Erstvertrag zwischen dem Stifter und der Stadt war vorgesehen, dass die Werke aus der Stiftung nach 75 Jahren an die Stadt Lichtenstein übergehen. Nach Lage der Dinge wird es wohl dazu nicht mehr kommen.

Die hochgesteckten Ziele des Projekts erwiesen sich als unerreichbar. Der Ausbildung von Holzkünstlern, die 2002 in der Regie der Westsächsischen Hochschule Zwickau und ihrer Schneeberger Fachschule für Angewandte Kunst begann, wurde vom Wissenschaftsrat nach vier Jahren ein Ende gesetzt. Begründung: kein Bedarf. Der Sächsische Rechnungshof rügte die Verschwendung von Steuermitteln. Die Besucherzahlen blieben hinter den Erwartungen zurück - ob auch mangels Werbung, wie Peter Daetz argwöhnt, sei dahingestellt. Zuletzt kamen weniger als 10.000 Besucher, nach 40.000 im ersten Jahr.

Die aktuelle Finanzierungslücke im Daetz-Zentrum beziffert Thomas Nordheim, Bürgermeister von Lichtenstein, auf jährlich 250.000 Euro. Die Stadt stehe unter Sparzwang, wate knietief im Kassenkredit. Ein Haushaltsstrukturkonzept gibt die Richtung zur Sanierung der Finanzen vor. Einsparungen, sagt Nordheim, seien unumgänglich.

Vor fünf Jahren kündigte die Stadt zum ersten Mal ihren Vertrag mit der Daetz-Stiftung. Damals stand Wolfgang Sedner,einer der dienstältesten CDU-Bürgermeister Sachsens und Förderer des Daetz-Zentrums der ersten Stunde, noch an der Spitze der Stadt. 2014 übernahm Lichtenstein das Daetz-Zentrum in eigene Regie, sechs Mitarbeiter wechselten ins städtische Personal. Das Zentrum wurde praktisch zur kommunalen Einrichtung.

Einer der Skeptiker im Stadtrat, die dem neuen Vertrag ihre Zustimmung verweigerten, war Thomas Nordheim, Mitbegründer der Freien Wähler Lichtenstein. Er gewann 2015 die Bürgermeisterwahl. Sedner, der nach 25 Jahren im Amt nicht mehr kandidiert hatte, wurde im Daetz-Zentrum verabschiedet.

Der gelernte Mathematiker Nordheim hat ein diffiziles Erbe angetreten: jährlich 900.000 Euro strukturelles Defizit in der Stadtkasse, dazu der Kassenkredit von mehr als zwei Millionen Euro. Die Aufsicht ziehe die Daumenschrauben an, sagt er. Setze der Stadtrat das Sparkonzept nicht um, drohe die vorläufige Haushaltsführung. Der Satz der Grundsteuer musste bereits auf 60 Prozentpunkte über Landesdurchschnitt angehoben werden.

Beim Daetz-Zentrum ist Lichtenstein an zusätzliche Auflagen bis 2026 gebunden. 4,5 Millionen Euro EU-Fördermittel flossen für den Ausbau des Schlosspalais', des Nebengebäudes für die Holzkunstateliers sowie den gläsernen Neubau, durch den man die Ausstellung betritt. Die Stadt muss jedes Jahr nachweisen, dass sie die Einrichtung zur Aus- und Weiterbildung nutzt. Wäre die Auflage nicht bis 2026 abgesichert, drohe eine Rückforderung an Fördermitteln, sagt Bürgermeister Nordheim. Seit dem Ende des Holzbildhauer-Studiengangs wird die Förderauflage mittels Workshops und Schulprojekten erfüllt.

Eine abgestimmte, nachhaltige Lösung für das Finanzdefizit des Daetz-Zentrums gibt es bislang nicht. Nordheim und der Lichtensteiner Stadtrat haben Pläne, die Ausstellung zu verkleinern und als "Museum im Palais" neu aufzustellen. Um den Weg für Veränderungen frei zu machen, hat die Stadt abermals ihren Vertrag mit der Daetz-Stiftung gekündigt. Die Stiftung allerdings, sagt Daetz, hält diese Kündigung nicht für rechtens.

Der Bürgermeister gibt sich optimistisch. Man sei im Gespräch und werde eine Lösung finden: So stellt sich die Lage an einem Ende des Verhandlungstisches dar. Am anderen Ende sitzt der Stifter - Peter Daetz.

Man muss sich den heute 87-jährigen Ex-Manager, der seinen Hauptwohnsitz seit langem in Lichtenstein hat, in diesen Tagen nicht als verbiesterten, womöglich gebrochenen Mann vorstellen. Daetz wirkt präsent, energiegeladen - ein sturmerprobter Fahrensmann. Äußerlich ginge er auch für zwanzig Jahre jünger durch. "Die Hoffnung stirbt zuletzt", sagt er und lächelt. "Wir glauben an die Menschen, an die Zukunft. Und wir arbeiten mit kultivierten Leuten zusammen."

Das Daetz-Zentrum ist für den Namensgeber die Krönung seines Lebenswerks - und ein gesellschaftlicher Beitrag, den er strategisch ins Werk gesetzt hat. Als die Mauer fiel und die Sächsische Staatskanzlei ihn zu Hilfe rief, habe seine Frau Marlene gesagt: "Ich glaube, wenn wir gemeinnützig gebraucht werden, dann ist es jetzt und hier!" Den ersten sächsischen Ministerpräsidenten hatte Daetz Jahre früher im Iran kennengelernt. Daetz führte dort ein Gemeinschaftsunternehmen von Siemens und Philips, als einmal Kurt Biedenkopf vor der Teheraner Industrie- und Handelskammer sprach. 1991 wollten Biedenkopfs Leute den damals 61-jährigen Daetz für die Wirtschaftsförderung gewinnen. "Ich hatte zwar Unternehmer-Erfahrung", sagt Daetz. "Aber Wirtschaftsförderung ist etwas ganz anderes. Wir haben immer Pionierarbeit gemacht!"

Im November 1991 kam Daetz, der Sachsen nie zuvor betreten hatte, nach Flöha und bezog ein Kabuff in der LPG Breitenau. Zu seinen Zeiten als Siemens-Direktor hatte er zwei Sekretärinnen und einen Fahrer zur Verfügung. Jetzt bewohnte er 15 Quadratmeter mit Kühlschrank, Leselampe, Chaiselongue. Das Produktentwicklungszentrum für Mitteldeutschland in Flöha, sein Projekt, sei ein überragender Erfolg gewesen, sagt Daetz: 503 Arbeitsplätze im Hightech-Bereich, 850 Dienstleistungsarbeitsplätze für die Region seien entstanden. Zuletzt, Ende Oktober bei einem Unternehmerabend in Flöha, wurde Daetz einmal mehr dafür gewürdigt.

Für sein Folgeprojekt verwies Georg Milbradt, damals Biedenkopfs Finanzminister, Peter Daetz nach Waldenburg. Als Verkaufsabsichten bezüglich des dortigen Schlosses ein Daetz-Zentrum verhinderten, zog er weiter nach Lichtenstein. "Was Sachsen dringend brauchte, war interkulturelle Kompetenz", sagt Peter Daetz. Es ist sein Leib-und-Magen-Thema und die Essenz seiner Berufsbiografie: die kulturelle Verständigung vor dem Hintergrund gegenseitiger wirtschaftlicher Interessen.

Peter Daetz hat 17 Berufsjahre für Siemens in Asien verbracht. Geboren 1930 in Hamburg, erlebte er als Jugendlicher die Bombennächte des Zweiten Weltkriegs mit, studierte dann Elektrotechnik und ging Mitte der 1960er-Jahre für Siemens nach Indonesien. Eine deutsche Auslandsschule in Jakarta, die er mitbegründete und fünf Jahre führte, ist heute eine der größten deutschen Auslandsschulen. 1973 wechselte Daetz nach Teheran, wo ihm etwas Entscheidendes aufging, wie er heute sagt: "70 Prozent der Kultur einer Gesellschaft ist von ihrer Religion geprägt!" Fünf Monate vor Chomeinis Islamischer Revolution wechselte Daetz nach Tokio. Bis 1983 führte er als Präsident die Geschäfte der Siemens-Medizintechnik in Japan. Zurück in Deutschland, leitete Peter Daetz die Audiologische Technik GmbH, eine mit Kapital von Siemens gegründete Gesellschaft in Erlangen, die weltweit Gesundheitstechnik verkaufte.

Als Stifter des Daetz-Zentrums wurde Peter Daetz mit dem Deutschen Stifterpreis geehrt. Kurt Biedenkopf überreichte ihm den Verdienstorden des Freistaats Sachsen. Lichtenstein machte ihn an seinem 75. Geburtstag zu ihrem Ehrenbürger. Die Daetz-Stiftung erweiterte ihre Tätigkeit und entwickelte Schulprojekte zur internationalen Verständigung. Das "Lichtensteiner Modell" wird auch in Hessen und Polen nachgefragt und eingesetzt.

Peter Daetz' Leistung für die Stadt und das Gemeinwesen erkennt auch Thomas Nordheim an. "Die bittere Wahrheit ist nur - das alte Konzept des Daetz-Zentrums hat nicht wie erwartet funktioniert."

Zu den Zukunftsplänen der Stadt hält Peter Daetz sich während der laufenden Verhandlungen zurück. Bürgermeister Nordheim könnte einem lediglich abgespeckten Daetz-Zentrum wenig abgewinnen: "Wir würden nur Zeit verlieren bis 2026, wenn die Fördermittelbindung ausläuft!" Nordheim bevorzugt das "Museum im Palais": Investitionen ins Gebäudeensemble, eine stadt- und heimatgeschichtliche Ausstellung, Veranstaltungsräume und ein eigener Bereich, der das Wirken des Stifterpaares Daetz und exemplarische Exponate seiner Sammlung präsentiert. Das Daetz-Zentrum in seiner heutigen Form ist in einem virtuellen Rundgang dokumentiert. Man könnte das im Internet zeigen.

Die Stadt würde mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen: Ein Umzug des Stadtmuseums ins Palais würde die Einrichtung besser in der Stadt verankern. Das Museum, derzeit in einem Haus der städtischen Wohnungsgesellschaft zur Miete untergebracht, hat sich durch öffentlichkeitswirksame Arbeit ein treues Publikum erworben. Seit 1998 läuft eine Veranstaltungsreihe zu historischen Orten der Stadt und zog zuletzt wieder 100 Besucher an. Jedes Jahr gibt es zwei bis drei Sonderausstellungen. Die Zahl der Ausstellungsbesucher lag voriges Jahr bei 3000 bis 4000. Ein Umzug des Museums würde Miet- und Personalkosten sparen. Eine Würdigung von Peter und Marlene Daetz im Kontext der Stadtgeschichte hielte auch Museumsleiterin Anne-Sophie Berner für angemessen: "Was von ihnen für Lichtenstein geleistet wurde, ist ja wirklich prägnant!"

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