Das steckt hinter dem Oberlungwitzer "Bikini-Bild"

Es war ein Werk, das Rätsel aufgab: Das Porträt der 19-jährigen Evi Fischer aus Oberlungwitz, die zur Nazi-Zeit im Bikini posierte. Das Modell wurde zur Muse in Südamerika.

Oberlungwitz.

Nach dem Fund des Bildes gab es mehr Fragen als Antworten. Warum wird im prüden Hitler-Deutschland eine Frau im Bikini gemalt - noch dazu die Tochter eines Mannes jüdischer Abstammung? Wozu diente das Bild und war das Mädchen wirklich das erste Bikini-Modell Deutschlands, wie eine große Tageszeitung titelte?

Vor einigen Wochen informierte das Bikini Art Museum in Bad Rappenau: Ein Bild war aufgetaucht, das eine junge Frau zeigt. Sie posiert in einem Bade-Zweiteiler vor einem Fabrikgebäude in Oberlungwitz. Das Aquarell stammt aus dem Jahr 1943. Damals produzierten die Goldfisch-Werke Bademoden für den nationalen und internationalen Markt. Inhaber der Fabrik war Hans Fischer, ein zum Protestantismus konvertierter Jude. Mit Frau Eva bekam er 1924 das dritte Kind: Eveline, kurz Evi. Damals ahnte die Familie noch nicht, wie turbulent die Zeiten werden sollten.


1933 kamen die Nazis an die Macht - und mit ihnen begann die Prüderie in die Modewelt einzuziehen. Extravagante Badekleidung war ebenso unerwünscht wie jüdische Firmeninhaber. So kam es, dass Evelines Vater Hans im Jahr 1938 oder 1939 mit ihrem älterem Bruder Otto nach Argentinien floh. Die Fabrik hatte er zuvor seiner Frau überschrieben, die mit Evi und einem Sohn zurückblieb. Bald jedoch wurden alle Werke der Kriegsindustrie untergeordnet. Uniformen wurden wichtiger als Bademoden.

Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange: Es war das Jahr 1943, Evi 19 Jahre alt, als der Porträtist Rudolf Sternad nach Oberlungwitz kam, um das Bild anzufertigen. Es ist 12,5 mal 14,5 Zentimeter groß. Doch wie kam es zu dem Aquarell? Roberto van Kuyk ist der Sohn von Evi Fischer und lebt in Uruguay. "Für mich ist es immer noch ein Geheimnis, warum der Maler gekommen ist", sagt er. Anlass war wohl nicht, die Familienmitglieder zu porträtieren, andere Bilder habe er nicht gefunden. "Meine Mutter war eine wunderschöne Frau", sagt van Kuyk. Vermutlich wollte der Künstler speziell sie malen. War sie damit zum ersten deutschen Bikini-Modell geworden, wie eine große deutsche Tageszeitung titelte?

Genau genommen ist das nicht der Fall. Denn der Begriff "Bikini" wurde erst im Jahr 1946 durch den französischen Designer Louis Réard geprägt. So sieht es auch Bademoden-Experte Jürgen Kraft von der Insel Usedom. Mit ihm hat Roberto van Kuyk vor einem halben Jahr Kontakt aufgenommen und ihn auf das Bild hingewiesen. "Der Begriff Bikini bezieht sich auf Bikini-Atoll in der Südsee", so Kraft. Dort wurden damals Atomwaffentests von den USA durchgeführt, ein mediales Großereignis. Einerseits symbolisierte das gesellschaftlichen Fortschritt, andererseits Südsee-Exotik. "Und Zweiteiler", so Jürgen Kraft, "wurden schon im Römischen Reich getragen." Dennoch sei die Geschichte des Bildes eine Ausnahmeerscheinung, die historischen Umstände einmalig.

So sieht es auch der Kunsthistoriker Reinhold Weinmann, der für das Bikini Art Museum das Bild untersucht - mittlerweile hat es seinen Weg zurück nach Deutschland gefunden. "Unsere erste These war, es als Vorlage für Werbeanzeigen auf dem internationalen Modemarkt diente", so der Kunsthistoriker. Bislang hat sich die Vermutung allerdings nicht bestätigt.

Eine Rolle in der Kunst spielte Eveline Fischer allerdings auch später. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wanderte auch sie mit Mutter und Bruder nach Argentinien aus, wo sie William van Kuyk heiratete, einen Holländer, der zu Nazi-Zeiten in Berlin im Gefängnis eingesessen hatte. Ihr Sohn Roberto van Kuyk, selbst Tierarzt, sagt über seine Mutter: "Viele wollten sie malen, sie war wunderschön." Daher gebe es noch weitere Porträts von ihr. Vor 25 Jahren hat sie Oberlungwitz ein letztes Mal besucht. Eveline ist am 10. April 2010 in Punta Eleste in Uruguay gestorben.

Das Bikini ART Museum freut sich über zum Thema passende Fundstücke, Dokumente oder Fotos. Für Zulieferungen gibt es Freikarten für das Museum in Bad Rappenau in Baden-Württemberg.

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