Der Erste Weltkrieg im alten Kinderzimmer

Ein Zwickauer sammelt Messer, Uniformen, Gasmasken, verleiht die Sachen an Museen. Was ihn dazu bewogen hat? Ein Fund hinter der alten Esse.

Lichtenstein.

Es sei nicht so, dass er sich den Krieg herbeisehne, sagt Heiko Schwinger. Im ehemaligen Kinderzimmer seines Hauses in Zwickau hängen Faschinenmesser an der Wand. Die Klingen, einen halben Meter lang, zeigen nach unten, als wollten sie jeden Moment allesamt nach unten in den Boden bohren. Im Ersten Weltkrieg haben deutsche Soldaten diese Messer getragen. Dazwischen hängen Eiserne Kreuze; auch Gasmasken und Uniformen besitzt Heiko Schwinger, und Aschenbecher aus Patronenhülsen. Überhaupt gleicht das alte Kinderzimmer einem Museum, Schwerpunkt Erster Weltkrieg.

So umfangreich ist Schwingers Sammlung, dass er Teile daraus an Museen verleiht. Zuletzt waren Messer, Uniformen und Gasmaske in Lichtenstein zu sehen, wo das Stadtmuseum im Daetz-Zentrums eine Sonderschau kuratierte, "Wenn aus Helden Opfer werden", zum Weltkriegsende vor 100 Jahren. Für Museumsleiterin Anne-Sophie Berner sind Menschen wie der 53-Jährige Zwickauer Glücksgriffe. Ein Museum mit wenig Geld müsse oft darauf warten, dass die Exponate kommen, durch Schenkungen etwa. Heiko Schwinger dagegen jagt seine Beute mit detektivischem Ehrgeiz. Seine freie Zeit verbringt der Maurer auf Flohmärkten und in Antiquarien, auf der Suche nach Stiefeln, Patronentaschen und Tornistern mit der eingeprägten Zahl 106: Das war die Nummer des Leipziger Landwehr Infanterie-Regiments. Uniform und Tornister hingen auch in der Lichtensteiner Ausstellung. Am Tag nach Ausstellungsende hängt Heiko Schwinger die Uniformjacke vorsichtig auf eine Schneiderbüste, stapelt die kleineren Sachen sorgfältig in zwei Wäschekörbe. Aschenbecher und Damenarmband mit Eisernem Kreuz hakt er auf der Liste ab. Das Deckelchen einer Bunkerlampe ist verschwunden, das ärgert ihn. Ansonsten alles unversehrt.

Sammeln sei ein urmenschliches Bedürfnis, schreibt Dieter Frey, Professor für Sozialpsychologie. Manche horten wahllos alles; systematische Sammler aber seien selektiv. Ihr Ziel sei es, so Frey, Ordnung zu schaffen; zentrale Motive seien Ordnung und Wissensdurst "Diese Sammler sind meist erst zufrieden, wenn sie alle Mosaiksteinchen eines Bildes komplettiert haben."

Er sei vor allem Geschichte interessiert, begründet Heiko Schwinger seine Sammelleidenschaft. Aus dem Geschichtsunterricht habe er kaum etwas über den Ersten Weltkrieg behalten. Viel später, nach der Wende schon, habe er Reservistenbild und Bajonett hinter der Esse des alten Hauses gefunden, das er und seine Frau gekauft hatten. Und er begann, sich in der Vergangenheit zu vergraben. 800 Artefakte hat er zusammengetragen.

Dass nichtwissenschaftlichen Sammlern von Weltkriegssouvenirs ein zweifelhafter Ruf vorauseilt, weiß Schwinger. Bei vielen schwingt eine gewisse Begeisterung mit. Aber wie gesagt, er sehne nicht den Krieg herbei. Neben all den Gegenständen sammelt er auch Wissen, interessieren ihn die Zusammenhänge. Helden oder Opfer? Die Millionen toter Soldaten sind für ihn eindeutig Letzteres. Die Zeiten seien so gewesen, dass die Leute begeistert für den Kaiser in den Krieg zogen. Und später für Hitler. "Schwer zu sagen, was man getan hätte. Ob man weggelaufen wäre, oder im Graben gestorben."

Zwei Standardwerke zu Ursachen und Zusammenhängen des Ersten Weltkriegs: "Der Erste Weltkrieg" (Volker Berghahn) und "Die Schlafwandler: Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" (Christopher Clark).

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