Der Kleine vom Sachsenring

Werner Reiß war vor 30 Jahren als Helfer beim letzten Rennen auf dem alten Sachsenring dabei. Heute schlägt sein Herz noch immer für den Motorsport - und seine alte 350er Jawa.

Hohenstein-Ernstthal.

Werner Reiß steht in seiner Garage irgendwo in Hohenstein-Ernstthal. Vor ihm seine alte, tschechische Jawa, Baujahr 1962, 350 Kubikzentimeter. Die silberblaue Maschine ist blank geputzt, piccobello, und Werner Reiß ist stolz wie Oscar auf die edle Maschine - und dass er mit 79 jede Woche noch ein paar Kilometer mit ihr fährt. "Aber ganz sachte, höchstens 90, damit nichts passiert", sagt der Rentner.

Werner Reiß ist ein Motorsportverrückter. Das ist in der Stadt vielleicht nichts besonderes. Aber Reiß hat schon ein bisschen mehr zu bieten. Als diese Woche vor 30 Jahren das letzte Rennen auf dem alten Sachsenring ausgetragen wurde, war Reiß dabei, natürlich. Aber kennengelernt hat Werner Reiß die Strecke schon 1963. Er erinnert sich: "Es war WM und ich hatte mich als Helfer beworben. Ich war glücklich, als ich im Fahrerlager eingesetzt wurde." So hatte er Kontakt zu den ganz großen Fahrern wie zum Beispiel zu Mike Hailwood. Der imponierte ihn so sehr, dass Werner Reiß seinen Sohn Mike nannte.

Reiß wurde zu einer Institution. Jedes Jahr bei den Rennen im Fahrerlager. So bekam er den Namen weg: Der Kleine vom Sachsenring, in Anspielung auf seine Körpergröße von knapp 1,70 Meter. Irgendwann landete er als Helfer in der Boxengasse, da war er noch näher am Geschehen. "Das war ein Traum", sagt er. Dann kam das Aus für den Ring als WM-Kurs. Ab 1973 durften nur noch Fahrer aus den sozialistischen Ländern zu den Rennen. Das war zuerst eine große Enttäuschung. Doch Reiß erinnert sich, dass die Fans dann im Laufe der Zeit auch das angenommen haben. Dann kam das denkwürdige Jahr 1990. Inzwischen waren die Grenzen wieder auf, es waren wieder Fahrer aus dem Westen am Start und Reiß stand wieder als Helfer in der Boxengasse. Nur wenige ahnten, dass es das letzte Rennen auf dem alten Sachsenring sein würde. "Es hatte immer wieder Kritik an der Sicherheit gegeben", so Reiß. Und auch 1990 verunglückten wieder mehrere Fahrer tödlich. So stand noch im selben Jahr fest, dass es hier keinen Start mehr geben wird. Reiß: "Daswar bitter. Aber zum Glück hat die Region nicht aufgegeben." Seit 1996 gibt es die neue Strecke. Und bis 2013 war Werner Reiß treuer Helfer.

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