Der lange Kampf um die Pfarrerstelle

Das Leben von Pfarrer Reiner Mitschke gleicht einer Achterbahnfahrt. Zu seinem Traumberuf kam er über schier endlose Umwege. Die führten ihn auch nach Afghanistan.

Lichtenstein.

Pfarrer wollte er schon immer werden. Nur ihn wollte man nicht. Wenn Reiner Mitschke (49), Pfarrer der evangelischen Kirchgemeinde in Lichtenstein, Rückschau hält, dann blickt er auf ein Leben wie auf der Achterbahn. In Räckelwitz in der Oberlausitz aufgewachsen, stand für ihn schon in der 7. Klasse sein Berufswunsch fest. Sein Vorbild war damals für ihn sein Theologielehrer. "Ein sehr guter Pfarrer", erinnert er sich.

Mitschkes Bekenntnis zum christlichen Glauben verbaute ihm in der DDR aber jegliche Chancen. Dort galt: Wer dem Staat nichts gibt, darf nichts von ihm erwarten. So bekam er die Allgewalt der Herrschenden zu spüren. Erweiterte Oberschule und Abitur blieben ihm verwehrt. Mitschke lernte Koch, musste aber wegen eines Hautekzems abbrechen. "Ich brauchte trotzdem eine abgeschlossene Berufsausbildung, also lernte ich Einzelhandelskaufmann und arbeitete im Konsument-Kaufhaus in Cottbus."


Die Geschichte mit dem Pfarrerjob ging ihm trotzdem nicht aus dem Kopf. Er bewarb sich am Theologischen Seminar in Leipzig. "Doch die hielten mich für ungeeignet", erinnert er sich. Er ging nach Falkenberg in Brandenburg, arbeitete für die Landeskirchliche Gemeinschaft, bewarb sich im Wende-Jahr erneut am Seminar und blitzte wieder ab. Seine letzte Chance sah er schließlich im Theologiestudium an der Leipziger Karl-Marx-Uni. "Ich wurde angenommen, im Oktober sollte es losgehen", erinnert er sich. Mit dem Einberufungsbefehl zum Wehrdienst zerschlug sich auch das wieder. Die DDR-Gewaltigen schickten ihn am 3. Oktober 1989 als Bausoldat nach Merseburg in die Leuna-Werke. Der Zusammenbruch des Systems nur wenige Tage später setzte auch der NVA ein Ende. Mitschke "heuerte" gezwungenermaßen ab, arbeitete danach zwei Monate in einem Altenheim in Dresden, bis auch dort Schluss war. Für die restliche Wehrzeit suchte er eine soziale Einrichtung in seiner Heimat. Fand diese im Missionshof Lieske in Oßling. Endlich klappte es auch mit dem Theologie-Studium in Leipzig. Dort lernte er Sabine kennen, die eine Ausbildung zur Kinder-Diakonin in Bad Lausick absolvierte. Noch während des Studiums heirateten die beiden. Nach dem Studium hatte die Landeskirche für ihn aber keine Pfarrerstelle. "Ich war also wieder einmal arbeitslos." Ein Bericht im Fernsehen über Flüchtlingslager in Afghanistan ließen den Wunsch wachsen, zu helfen. Kontakt bekam er über einen Freund, Pastor bei der Heilsarmee, der vor Ort arbeitete. Mitschke reiste in die islamische Republik. "Ich war Logistik-Manager und für die Verpflegung von 30.000 Flüchtlingen im Lager zuständig", sagt er. "Meinen 30. Geburtstag habe ich im Zeltlager gefeiert", berichtet er. Nach einem halben Jahr zog er weiter - ein Auftrag in Gjakova im Kosovo, ebenfalls mit der Heilsarmee. "Wir haben eine alte Ziegelei wieder instand gesetzt, damit Kriegsrückkehrer einen Job bekamen." Zurückgekehrt, bekam er eine Stelle in einem Flüchtlingsheim der Heilsarmee in Leipzig-Grünau. Mitschke löste schließlich den Heimleiter ab. Als Töchterchen Anna geboren wurde, stand für ihn fest wieder aufs Land zu ziehen. Eine Heimat auf Zeit fand er in Großgrabe, wo er in der Kirchgemeinde Mitarbeiter für junge Familien wurde. "Wir zogen in die Lausitz."

Für das Betreiben eines Asylbewerberheimes gründete er mit einem Freund den Verein "Pandechaion Herberge". Heute hat der Verein 200 Mitarbeiter und betreibt mehrere soziale Einrichtungen. Mitschke ist noch immer einer der beiden Geschäftsführer. Aber noch immer wollte er als Pfarrer arbeiten. "Ich habe einen Freund überzeugt, dass wir uns noch einmal für den Vorbereitungskurs in der Landeskirche bewerben." Das klappte. Sein Vikariat absolvierte er in Großröhrsdorf bei Dresden, bestand sein theologisches Examen. Danach schickte die Landeskirche den Spätstarter nach Lichtenstein. Geht es nach ihm, dann soll diese erste Pfarrerstelle auch die letzte seines Lebens sein. "Ich kannte Lichtenstein gar nicht. Doch jetzt fühle ich mich hier wohl und heimisch. Und wir haben eine gut funktionierende Gemeinde", sagt er.

Mitschke gilt als moderner Pfarrer, der Tradition und Moderne unter einen Hut bringt. "Man kann manches anders machen, ohne dass man seine Wurzeln verrät oder abschafft. Es ist gut, der Tradition eine andere Form zu geben", ist er überzeugt. So schwierig sein Leben manchmal auch gewesen sei, "die Kirche hat mir immer Halt gegeben". Der Glaube an Gott sei etwas, das auch noch Kraft hat, wenn alles andere im Leben versagt, versichert er. "Mir ist wichtig, die Leute im Leben voranzubringen. Die Kirche macht viele Angebote dazu, wie das Leben Sinn macht."

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