Der "Moped-Fritze" von der Hauptstraße

Den Bach runter - Die "Freie Presse" unterwegs im Lungwitztal. Teil 7: Ein Zweiradfreak, der es nebenbei bis zum Meister geschafft hat.

Rüsdorf.

Ralf Goldammer hat gut lachen. "Hochwasser hatte ich noch nicht in meiner kleinen Werkstatt, aber auf der Straße stand 2013 das Wasser gefährlich hoch", sagt der Mann, der in Bernsdorf seinen kleinen Zweirad- und Quadservice besitzt. "Mein kleines Fachwerkhaus steht vier Meter höher als der Lungwitzbach fließt, und das stellt keine große Gefahr für mich dar", sagt er.

Die Schilder der kleinen Werkstatt der Unteren Hauptstraße 9 weisen auf eine lange Arbeitswoche hin, trotz Mittagspause, ist der "Moped-Fritze" bis auf Sonntag täglich an seinem gut sortierten Arbeitsplatz zu finden. Eine Reihe gebrauchter Simson-Mopeds ziert den Weg vor seinem Haus, was ihm in den 90er-Jahren vom Vater überschrieben wurde. "Das sind aber alles Kundenaufträge und gerade fertig geworden. Direkt zum Verkauf habe ich im Moment nichts da." Moped fahren, gerade mit den DDR-Fahrzeugen, liege bei den Jugendlichen im Trend. "Meist stehen Eltern, Großeltern und ein 15-jähriger Teenager zusammen in der Tür und suchen ein passendes Gefährt. Aber die sind mittlerweile schwer zu finden oder sehr teuer."

Ralf Goldammer, dessen Herz hauptsächlich an Zweirädern hängt, kümmert sich aber auch um die technischen Probleme an Quads und Rasenmähern, da man jetzt doch umdenkt und eher einen Reparaturservice in Anspruch nimmt, als sich sofort ein neues Gerät anzuschaffen. Gelernt und in der Instandhaltung der Nickelhütte gearbeitet, hat der heute 48-Jährige bis in die 1990er-Jahre, danach entwickelte er die Leidenschaft, als Lkw-Fahrer auf den Straßen unterwegs zu sein - bis ihm eine Erkrankung den Strich durch die Rechnung machte. Bei einem Infarkt am Auge verlor er einen Teil seines Augenlichts auf einer Seite und konnte seinen Beruf damit nicht mehr ausüben.

Jetzt bezeichnet er allerdings den Vorfall als Glück im Unglück. Aufgrund der langen Berufsausübung wurde ihm von der Rentenkasse die Chance ermöglicht, eine dritte Ausbildung in Angriff zu nehmen. So setzte sich der technisch versierte Mann mit 40 Jahren noch einmal für zweieinhalb Jahre auf die Schulbank, um eine Ausbildung gemeinsam mit 17-jährigen Schülern zum Kfz-Mechatroniker in der Fachrichtung Motorradtechnik zu absolvieren. Damit war es dennoch nicht getan. Nur mit einer Sondergenehmigung und einem Fach-und Sachkundenachweis war es Goldammer möglich, in einem eigenen Betrieb tätig zu werden, immer mit der Auflage, nach einer vorgegebenen Zeit seinen Meisterbrief vorzulegen. Neben den Aufträgen der Schrauberei gingen nochmals drei Jahre ins Land, in denen er sich um die Schule kümmern musste. "Auf Anhieb bestand ich jede Prüfung, meine Erkrankung schränkte mich glücklicherweise gar nicht ein und mittlerweile bin ich seit fünf Jahren Meister meines Fachs", sagt der Bernsdorfer mit einem Lächeln.

Dennoch gibt es täglich neue Herausforderungen: ein E-Bike lehnt an der Hauswand und wartet auf seine Fertigstellung. Die Nachfrage in diesem Segment sei enorm gestiegen. Aber trotz teurer Anschaffung sei die Verarbeitung des öfteren schlecht und nur schwer bekomme man fachkundige Auskünfte bei den Herstellern. Goldammer sieht es gelassen, die Erfahrung zeigt ihm, dass es für alle Probleme Lösungen gibt und mit seinen Händlerkollegen hat er immer Partner auf seiner Seite. Ob gestiegene Nachfrage bei seiner Laufkundschaft oder auf Empfehlungen seiner langjährigen Bastelfreunde, jeder Wunsch wird schnellstmöglich bearbeitet. Nicht nur die schnellen Auskünfte am Telefon, der Werkstattprofi weiß zumeist Rat. "Ich brauche einen langen, abgewinkelten Zündkerzenstecker. Am besten sofort", ruft ihm Renè Speck entgegen, während er gerade noch seinen Helm vom Kopf nimmt und seinen Rex-Roller neben den anderen Mopeds parkt. Schnell findet Goldammer, was sein langjähriger Kunde aus Chemnitz benötigt und fachsimpelt kurz über den Einbau des Ersatzteils. "Ich habe mir selbst eine AWO und eine MZ ES 250 aufgebaut. Deshalb habe ich generell auch vieles für alte Mopeds auf Lager. Alles andere lässt sich schnell beschaffen."

Trotz seines Faibles für Zweiräder besucht Goldammer kaum Simson-Treffen. "Dann lese ich eher in aller Ruhe in meiner Bibliothek, koche gern oder habe das Fotografieren für mich erst entdeckt. Ausflüge mit einem meiner Mopeds mache ich eher spontan und dann allein. Auch meine zwei Kilometer spaziere ich jeden Morgen, damit ich fit für den Tag bin und die frische Luft macht meine Lunge frei", sagt der 48-Jährige, während das Werkstatttelefon erneut klingelt.

 

Teil 6: Roswitha Pörnig und ihre Alpakas

Teil 5: Die Bier-Versteher

Teil 4: Ein Familienunternehmen mit einer Vorliebe für Holz und Pferde

Teil 3: Das Heimatmuseum in St. Egidien

Teil 2: Katrin Bohge und ihr Hundefriseursalon

Teil 1: Matthias Pöschmann und seine Ölmühle

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