Der politische Pfarrer

Mauerfall 89: Klaus Franke aus Hohenstein-Ernstthal hat neulich in einer Rede gesagt, was er von Menschen hält, die "Wir sind das Volk" und im gleichen Atemzug "Volksverräter" rufen. Das war mutig.

Hohenstein-Ernstthal.

Pfarrer Klaus Franke steht auf dem Balkon seines Wohnhauses oberhalb des Altmarktes und schaut nach unten. Hohenstein-Ernstthal ist eine schöne Stadt, und der Ausblick in das Erzgebirge ist fast noch schöner. "Manchmal kann man von hier aus bis zum Fichtelberg sehen", sagt Franke. Seit seine Frau Heidi vor drei Jahren gestorben ist, mit der er 52 Jahre lang verheiratet war, wohnt er allein in der Wohnung. "Vielleicht ist sie etwas zu groß für mich allein", sagt er. 1981 hatte er die Wohnung mit seiner Frau bezogen. Es hängen so viele Erinnerungen an ihr. Und die haben für Franke auch etwas Tröstendes.

Genaugenommen ist Klaus Franke, der inzwischen 78 Jahre alt ist, Pfarrer im Ruhestand. Aber das ist irgendwie auch nicht ganz richtig. Gelegentlich predigt Franke noch, auch in seiner St. Christophorikirche, in der er viele Jahre Pfarrer war. Aber auch in Kirchen umliegender Orte hält er die Sonntagspredigt. Die Kirche ist froh darüber, denn auch hier gibt es Personalmangel. "Aber auch mir tut das gut", sagt Klaus Franke. Das halte die grauen Zellen in Bewegung.

Franke stammt aus dem Vogtland. Er wurde 1941 in Reichenbach geboren. Seine Eltern hatten einen Kurzwarenladen. In einer Stasi-Akte stand deshalb, Franke entstamme einem kleinbürgerlichen Milieu. "Kleinbürgertum in der DDR, das war verpönt", erinnert sich der Pfarrer. Er machte keine Jugendweihe, wurde stattdessen konfirmiert. Es war nicht untypisch für den Arbeiter- und Bauernstaat, dass solche Jugendlichen kein Abitur machen durften. Aber Klaus Franke ging nach der 8. Klasse in Rostock in eine Einrichtung der Inneren Mission, in der er auf ein Theologie-Studium vorbereitet und gleichzeitig behinderte Menschen betreut wurden. Das war eine Zäsur in seinem Leben. Klaus Franke erinnert sich: "Da habe ich gemerkt, dass Behinderte genauso wertvoll sind und ein Recht auf Leben haben wie andere."

Franke studierte später in Leipzig Theologie, er wurde ein politischer Pfarrer. Dabei hat er in den Zeiten der DDR die Menschen nie aufgefordert, das Land zu verlassen und in den Westen zu flüchten. "Ich konnte die Leute verstehen, die wegwollten. Aber wir haben sie doch hier gebraucht", so Franke. Der Pfarrer war während der Wendemonate hautnah bei den sich anbahnenden Veränderungen dabei, als auch hunderte Menschen nach den Gottesdiensten auf die Straße gingen. Als er in den Ruhestand ging, kandierte er für den Stadtrat und zog für die SPD auch ein. Bis dieses Jahr saß er in dem Gremium. Aber auch jetzt ist er noch politisch. Bei einer Ausstellungseröffnung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls diese Woche sagte er in einer Rede vor den 150 Gästen, dass heute der Slogan "Wir sind das Volk" missbraucht werde. Die gleichen Leute würden gleich im Anschluss "Volksverräter" rufen. Zu solchen Aussagen in der Öffentlichkeit gehört heute Mut. Franke steht zu seinen Überzeugungen.

Am Sonntag hält er in der St. Christophorikirche wieder die Sonntagspredigt. Natürlich geht es um das Thema Mauerfall. Franke wird ein Wort von Jesus zitieren: "Selig sind die Friedensstifter".

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1Kommentare
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  • 10
    11
    Distelblüte
    09.11.2019

    "Bei einer Ausstellungseröffnung zum 30. Jahrestag des Mauerfalls diese Woche sagte er in einer Rede vor den 150 Gästen, dass heute der Slogan "Wir sind das Volk" missbraucht werde. Die gleichen Leute würden gleich im Anschluss "Volksverräter" rufen."
    An den Kirchvorsteher meiner Gemeinde, der mir sagte, Kirche hätte nicht den Auftrag, politisch zu sein: Doch. Herr Franke macht es vor. Auch wenn es manchen nicht schmeckt, was er zu sagen hat: es ist die Wahrheit.



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