Die Bier-Versteher aus St. Egidien

Den Bach runter - "Freie Presse" unterwegs im Lungwitztal. Teil 5: Ein Nickelhütten-Kumpel, der sich sehr gut mit Getränken auskennt.

Vater Rolf und Sohn Johannes Dörr.
Die Bier-Versteher aus St. Egidien

Von Nicole Seidel

Die großen Stapel an Leergut lassen es von der Lungwitzer Straße 72 aus in St. Egidien schon erahnen: Hier gibt es etwas zu trinken. In der früheren Nickelhütte gelernt und auch gearbeitet, machte sich Rolf Dörr mit einem Getränke-Einzelhandel selbstständig und hat diesen Schritt nicht bereit. "Ich habe auf Rundreisen schon die ganze Welt gesehen, die Chinesische Mauer und die Pyramiden in Ägypten, aber am liebsten komme ich mit meinem Lkw nach Hause", sagt der zweifache Vater.

Bereits 1980 kaufte Rolf Dörr mit seiner Frau Annegret den Bauernhof. Allen liege am Herzen, den Vierseithof zu erhalten. Eine Scheune wurde direkt für den Getränkehandel umfunktioniert, die Familie wohnt und arbeitet vor Ort. "Manchmal ist das Fluch und Segen zugleich. Der Arbeitsweg ist zwar kurz, aber ein Blick aus dem Fenster verdeutlicht die ständige Arbeit.", sagt Annegret Dörr. Trotz allem ist sie froh, jeden Abend ihren Mann in die Arme schließen zu können, auch wenn er manchmal erst spät von seiner Tour zurück ist. Denn er holt die Getränke noch selbst vom Großhändler und den Brauereien, um die bis zu 70 Biersorten vorrätig zu haben. "Ich kenne alle Marken, um die Kunden beraten zu können", sagt die Ehefrau lächelnd, die bei ihrem Mann angestellt ist. "Aber man hat so seine Lieblinge unten den Bieren, auch wenn wir aus allen Ecken Deutschlands Sorten am Lager haben, die Regionalen sind die Favoriten."

Nach der Wende gab es allerdings für eine gewisse Zeit einen Trend zu westdeutschen Bieren zu verzeichnen. "Jetzt passiert es schon mal, dass ein Stammkunde von Bieren aus dem Urlaub schwärmt, so hat es manche Sorte in die Regale geschafft. Produktvielfalt ist auch in unserem Geschäft wichtig", sagt die Frau. An drei Tagen in der Woche öffnen die Dörrs auch ihre kleine Kneipe - als Anlaufpunkt für Dorfbewohner ohne Garten oder Balkon. Auch die Dartmannschaft "Fraps" mit Spielern aus dem Ort trainiert hier regelmäßig unter Führung des 48-jährigen Steffen Gerner. "Wir sind sogar bis Freiberg zu Spielen unterwegs", sagt der Geschäftsinhaber.

Auch mit Holzkohle, frischen Eiern vom Bauern um die Ecke und dem Verleih von Party-Equipment vom Bierwagen bis zum Zelt kann das kleine Familienunternehmen dienen. Und während der jüngste Sohn fleißig studiert, erhalten die Eltern tatkräftige Unterstützung auf dem Hof und im Geschäft vom ältesten Sohn Johannes. Der 28-Jährige ist gelernter Nutzfahrzeug-Mechatroniker. Nach vier Jahren Arbeit im Beruf kaufte er mit 23 Jahren einen Lkw und machte sich als Quereinsteiger im Speditionswesen selbstständig.

Zur Zeit organisiert er das große Hoffest, das am 1. September steigen soll. "Ich plane einen Strandbereich mit Sand für das Open Air-Konzert der Firebirds. Dazu habe ich ein Zelt für 600 Gäste als Schlechtwettervariante und für die späteren Stunden vorgesehen" sagt der junge Mann der sich gern von neuen Ideen inspirieren lässt. "Für meine Pläne muss das gesamte Leergut vom Vater umgeräumt werden, das ist ein große Herausforderung. Aber gemeinsam schaffen wir alles", ist er zuversichtlich. Da es in der Speditions- und Getränkehandelbranche keine Sommerlöcher gibt, gehört der tägliche Stress bei dieser aktuellen Hitze zum Geschäft des kleinen Familienbetriebs mit dazu.

 

Teil 4: Ein Familienunternehmen mit einer Vorliebe für Holz und Pferde

Teil 3: Das Heimatmuseum in St. Egidien

Teil 2: Katrin Bohge und ihr Hundefriseursalon

Teil 1: Matthias Pöschmann und seine Ölmühle

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