Die Erben des Patriarchen

Vor 25 Jahren eröffnet die Stadtpassage in einer alten Weberei in Hohenstein-Ernstthal. Zeit für einen Blick in die Geschichte der Familie Löffler, der die Weberei einst gehörte. Sie steht für ein dunkles Kapitel der jungen DDR.

Hohenstein-Ernstthal.

Der Patriarch sitzt am Schreibtisch, im Anzug, in Unterlagen vertieft. Kunst in der Ecke, auf dem Tisch Blumen und ein Aschenbecher. Paul Löffler heißt der Herr auf dem Schwarz-Weiß-Foto: ehemaliger Handelsreisender, Firmengründer, nun Herr über 100 Angestellte seiner Weberei in Hohenstein-Ernstthal. Der Patriarch - ergraut in seinem Lebenswerk? Es ist das Jahr 1951, und das großbürgerliche Idyll auf dem Bild trügt. Es erzählt die Familiengeschichte der Löfflers - und steht für ein dunkles Kapitel der jungen DDR.

Die Weberei ist heute die Stadtpassage, Enkel Ralph Löffler der Eigentümer. Er hat das Foto im Familienalbum aufgestöbert. "Ich weiß gar nicht, ob er so sehr Patriarch war, wie das hier aussieht", sagt er. Es gebe auch andere Fotos im Album, von Betriebsausfahrten ins Erzgebirge. Als zielstrebiger Selfmademen wird der Großvater in der Familie beschrieben, der Enkel hat ihn kaum gekannt. Paul Löffler kam 1886 in Hermsdorf zur Welt. Er starb, als Enkel Ralph sieben Jahre alt war: im Februar 1969 in Augsburg. Zwischen ihm und der Heimat lag eine Mauer.


Wenige Monate, nachdem die Aufnahme entstand, wird die Familie Löffler Hohenstein-Ernstthal und die junge DDR verlassen, in Richtung Westen. Die Vorbereitungen laufen schon. Löfflers Sohn Johannes schmuggelt als Schrott getarnte Maschinenteile über die bayrische Grenze. Ein gefährliches Unterfangen. "Wenn du erwischt wirst - ich weiß von nichts", sagt der Vater. "Ich hab das Gefühl, das geht nicht gut hier in der DDR", sagt der Sohn. Geschichten über erste Enteignungen machen die Runde; als Sohn eines Kapitalisten darf Johannes nicht studieren. Der Familienrat tagt. Die Flucht wird beschlossen - und der Neuanfang in Augsburg, mithilfe der geschmuggelten Teile. 1952 wird die Fabrik in Hohenstein-Ernstthal Volkseigentum, wie das damals hieß. Die Löfflers sind enteignet. Es dauert beinahe vier Jahrzehnte, bis Paul Löfflers Erben wieder einen Fuß setzen dürfen in ihre Weberei.

Still und heimlich fliehen Vater, Onkel, Tante, Großeltern. Ihre Existenz, ihre Freunde lassen sie zurück, seine Mutter ihre Eltern. "Ein Schock", sagt Ralph Löffler. Den spürt auch er als Kind: das Gefühl der Heimatlosigkeit seiner Eltern, die Großeltern hinter der Mauer. Die Ostpakete mit Stollen und Engeln von Wendt & Kühn. "Das wird nicht ewig so bleiben", sagen sich die Eltern, und meinen damit die DDR.

Eine Familiengeschichte wie ein Puzzleteil im Bild vom Umgang mit Industriellen im Arbeiter- und Bauernstaat. Wolfgang Hallmann ist Stadtchronist in Hohenstein-Ernstthal, er kennt viele dieser Puzzleteile. Die Fabrikanten in der Stadt wurden nach dem Zweiten Weltkrieg auf unterschiedliche Weise schikaniert, die Enteignung schluckte sie in Wellen. Nach Kriegsende suchten die Russen nach Nazis in den Chefsesseln, und fanden Wilhelm Ende: Als Kriegsverbrecher wurde er denunziert - er hatte im Krieg Decken für die Armee produziert, dafür starb er im KZ. Wenig später sortierte die neugegründete Zentrale Kommission für Staatliche Kontrolle aus. Viele kleinere Betriebe ließ man in Ruhe, bis 1972 jedenfalls. Dann wurden aus Eigentümern Betriebsdirektoren, oft auf Lebenszeit. "Ihnen ging es verhältnismäßig gut", sagt Hallmann. Andere landeten wegen Nichtigkeiten in Polizeigewahrsam; ein Bernsdorfer Textilunternehmer brachte sich deshalb Ende der 1940er um. "Viele gingen dann freiwillig, in Anführungszeichen", sagt Hallmann. Manche fingen im Westen neu an, wie der Ernstthaler Strumpfkönig Reichel. 40 Arbeiter nahm er mit. Wieder andere blieben zwar, orientierten sich aber um.

Vater und Großvater Löffler gehören zu denen, die sich im Westen eine neue Existenz aufbauen. Oder besser: Existenzen, Mehrzahl. Großvater Paul bleibt in Augsburg, führt eine neue Weberei mit seinem zweiten Sohn, Erich. Johannes zieht weiter nach Rheinland-Pfalz, gründet eine eigene Weberei. Doch die Textilindustrie verlagert sich in Niedriglohnländer. In den 1980ern trifft die Krise auch ihn - und Johannes Löffler fängt noch einmal neu an, wird Handelsreisender, wie einst sein Vater. Enkel Ralph studiert in West-Berlin, ist heute kaufmännischer Angestellter in Hamburg. "Die Familie hat sich immer danach gerichtet, wo gute Arbeit war", sagt er.

Als die Mauer fällt, sind seine Eltern elektrisiert. Sie fahren in ihre Weberei - ein Besuch wie eine Zeitreise, einige Maschinen laufen seit Großvaters Zeiten. Dass das nicht rentabel ist, sei schnell klar gewesen, sagt Ralph Löffler. Doch seine Eltern wollen etwas Neues schaffen in der alten Fabrik, es ist ihr Herzensprojekt für den Ruhestand. Zwei Jahre dauert die Rückübertragung von der Treuhand, 1994 eröffnet die Einkaufspassage. Die Ossis hätten Nachholbedarf in Sachen Konsum, hieß es, also schossen die Konsumtempel nur so aus dem Boden. Die Realität vertrieb die Euphorie, sagt Ralph Löffler. Als einer von drei Erben ist er heute Eigentümer der Passage, musste sie den Einkaufsgewohnheiten anpassen, die Mietpreise nach unten korrigieren. Im ersten Stock gibt es jetzt keine Läden mehr, stattdessen sind Dienstleister eingezogen. "Aber ich bin glücklich", sagt er. "Alles ist vermietet." 80 Menschen arbeiten in der Passage - fast so viele wie zur Zeit des Patriarchen.

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