Die Grande Dame des Puppenspiels gastiert in Zwickau

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Sie gilt als die ungekrönte Königin des deutschen Figurentheaters. Die gesamte Zunft blickt zu ihr auf. Trotz ihrer Berühmtheit ist Ilka Schönbein gar nicht abgehoben. Die Künstlerin gewährte "Freie Presse" sogar einen Blick in ihr mobiles Domizil.

Zwickau.

Der Holzofen verbreitet wohlige Wärme. Ilka Schönbein, die Grande Dame der deutsch-französischen Puppenspielkunst, sitzt am Tisch ihres behaglichen Häuschens auf vier Rädern. Noch halb im Kostüm von der Probe zu "End.lich!", dem Beitrag des Theaters "Meschugge" zum Internationalen Puppenfestival in Zwickau. Am Freitagabend ist die Hommage an die "Bremer Stadtmusikanten" im Gemeindesaal, Horchstraße 2, zu erleben.

Das Stück geht über das Grimmsche Märchen hinaus. "Es ist eine sehr eigene Version", kündigt Ilka Schönbein an. "Die Tiere, die noch ein paar Jahre in diesem Räuberhaus gemütlich leben - das war mir zu wenig." Sie hat den Faden weitergesponnen. "Mich haben diese vier Gestalten gereizt. Die Geschichte der ausgedienten alten Senioren, die noch mal auf die Pauke hauen wollen - das hat mich interessiert." Die 64-Jährige lässt die Tiere eine Revue veranstalten. Zugleich lustig und makaber. Angesiedelt irgendwo zwischen Tod und Paradies. "Dass sie da noch einmal ganz sie selber werden dürfen, was sie eigentlich immer tun wollten - praktisch der glorifizierte letzte Augenblick."

Ilka Schönbein hat in den vergangenen drei Jahrzehnten ein ganz eigenes Genre entwickelt, wobei sie sich gern von alten Fabeln und Geschichten inspirieren lässt. Das Puppenspiel hat sie bei Albrecht Roser in Stuttgart erlernt. "Ich frage mich immer, warum das nicht viel mehr Leute machen. Für mich ist das völlig natürlich", sagt die 64-Jährige. Sie geht in ihrer Kunst auf. "Ich habe lange auf anderen Bühnen getanzt, bis ich meine eigenen Sachen machen wollte.

Reporter Thomas Croy beim Interview mit Ilka Schönbein

Mit ihrem Theater Meschugge brachte sie etliche Eigenproduktionen auf die Bühne. Heute zählt die aus Darmstadt stammende und meist in Frankreich arbeitende Figuren- und Maskenspielerin, Tänzerin und Schauspielerin zu den weltweit bedeutendsten Künstlerinnen im Bereich des Figurentheaters.

Trotz ihres vorgerückten Alters sprüht sie immer wieder vor neuen Einfällen. Woher nimmt sie die Inspiration? "Das weiß ich auch nicht. Alles andere geht so langsam dem Ende zu, aber die Ideen sprudeln immer noch", lacht Ilka Schönbein. "Die Welt geht ja weiter. Immer wenn ich neue Leute treffe, da kommen auch neue Sachen."

Meschugge heißt das von ihr begründete Theater. Das Wort ist Jiddisch und bedeutet verrückt. Die Figurenkünstlerin schmunzelt über den Einwurf, dass sich die Welt inzwischen dem Namen ihres Theaters angepasst hat. Die 64-Jährige indes wirkt völlig geerdet. In den Stücken verschmilzt sie mit den Figuren, die sie verkörpert. "Es wird mir ja nachgesagt, mein Theater ist im Grunde total biografisch. Ich setze mich mit Themen auseinander, die auch mich betreffen." In ihrem ersten Stück beschäftigte sie sich damit, was im Krieg passiert war, mit der Geschichte ihrer Eltern. "Im vorletzten Stück ging es um das Alter, jetzt setze ich mich mit dem Tod auseinander. Also es ist immer sehr mit mir verbunden", sinniert sie.

Ilka Schönbein investiert viel Zeit in die Entwicklung ihrer Figuren. "Manche warten schon seit Jahren, dass sie mal spielen dürfen. Weil ich sie erfunden habe und dann nicht wusste, was ich mit denen anfange", erzählt die Maskenspielerin. Im Großen und Ganzen seien es ein bis anderthalb Jahre, in denen sie sich allein damit auseinandersetzt. Bevor die Musik dazu kommt. "Und dann nimmt das Ganze meistens noch mal eine andere Richtung."

In Zwickau gastiert Ilka Schönbein nicht zum ersten Mal. Es gefällt ihr im hiesigen Puppentheater. "Die Festivals sind einfach wunderschön! Da entdecke ich auch Gruppen, die ich noch gar nicht kannte." Darum will sie die willkommene Gelegenheit nutzen, sich auch Stücke von den Kollegen anzuschauen.

Während die anderen Künstler im Hotel oder einer Pension untergebracht sind, bleibt die 64-Jährige lieber in ihrem ausgebauten Laster. "Ich bin überhaupt kein Komfortmensch. Ich habe meine eigene Art von Komfort. Dazu gehört eben auch, dass ich in der Natur mit meinem Auto stehen kann, wo ich will. Dass ich mein Feuerchen im Bus habe. Also alles so einfach und rustikal wie möglich - das ist mein Komfort."

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