"Die Infrastruktur stimmt noch im Ort"

Gersdorfs Bürgermeister Erik Seidel zieht im Sommerinterview Bilanz zum Ortsjubiläum und spricht über die brennenden Probleme

Gersdorf.

Vor wenigen Wochen hat Gersdorf sein Ortsjubiläum "850 Jahre" gefeiert. Zeit zum Luftholen gibt es auch in der Sommerpause für die Verwaltung nicht. Ende August konstituiert sich der neue Gemeinderat. Beide müssen dann wieder durchstarten. Hans-Peter Kuppe hat mit Bürgermeister Erik Seidel (parteilos) gesprochen.

Freie Presse: Das Ortsjubiläum "850 Jahre" ist Geschichte. Wie sehen Sie die Resonanz darauf im Ort selbst?


Erik Seidel: Natürlich war das ohne zusätzliches Personal ein Kraftakt. Aber die zwei Jahre Vorbereitung haben sich gelohnt. Da haben viele im Ort richtig gut mitgezogen. Allein beim Festumzug haben rund 1000 Leute mitgewirkt, quasi jeder vierte Bewohner war dabei. Alle haben bei 37 Grad Celsius durchgehalten. Und wir hatten viel Unterstützung von Polizei, Rettungsdienst und den Feuerwehren der umliegenden Orte. Auch in der Festwoche war die Stimmung hervorragend. Zum Beispiel bei den historischen Filmvorführungen zum Jubiläum "800 Jahre" im Jahr 1969 mussten wir auch im Freien einen Monitor aufbauen, weil wir so viel Ansturm hatten.

Inzwischen sind auch die mehr als 300 lebensgroßen Puppen aus den Vorgärten verschwunden. Was wird von der großen Party bleiben?

Ich denke mal viele Erinnerungen und eine Menge Fotos, vor allem auf den Handys der vielen Besucher. Wir haben aber auch DVDs produzieren lassen. Video-Filmer Eduard Tyschkowski hat uns einen Zusammenschnitt des Festumzuges produziert und eine Doppel-DVD. Darauf ist zum einen der Film vom Jubiläum 1969 und zum anderen eine Präsentation zu sehen, also wie der Ort 1988 aussah und wie er sich an denselben Stellen heute zeigt. Die DVDs gibt es dann schon bald zu kaufen. Ich habe mir die Demos schon mal angeschaut. Sie sind sehr schön geworden, finde ich.

Das Feiern ist nun vorbei. Im Moment ist aber Sommerpause, bevor der neue Gemeinderat seine Arbeit aufnimmt. Ist das für Sie eine Zeit zum Ausruhen?

Nein, das geht ungebremst weiter. Mir hat das Jubiläum gezeigt, dass der Zusammenhalt im Ort da ist. Wir haben engagierte Bürger im Ort, mit denen man etwas bewegen kann. Das trifft auch auf die Arbeit der Verwaltung zu.

Wo liegen jetzt die Schwerpunkte? Durch die vielen Hochwassermaßnahmen sind große Investitionen im Moment für Gersdorf kein Thema, oder?

Ja, wir mussten für die vielen Maßnahmen zur Hochwasserschadensbeseitigung in Vorleistung gehen. In nächster Zeit wird sich die finanzielle Lage der Kommune wieder entspannen. Die Schwerpunkte sind auf jeden Fall die brandschutztechnischen Restarbeiten an der Schule und die Sanierung des Schulhortes. Das ist der linke Gebäudekomplex am Kindergarten. Die Maßnahmen stehen auf meiner Prioritätenliste ganz oben, und ich hoffe, der neue Gemeinderat sieht es genauso.

Was muss am Hort gemacht werden?

Alles. Das Gebäude muss praktisch entkernt und neu ausgebaut werden. Türen, Fenster, Elektrik, Sanitärinstallation, die brandschutztechnische Sanierung, einfach alles. Das kostet mindestens 1 Million Euro. Wir sind gerade dabei, das beste Fördermittelprogramm dafür zu finden. Die passenden Bundesprogramme sind leider teilweise für die nächsten Jahre schon überzeichnet.

Ist Hochwasserschutz noch ein Thema?

Natürlich. Wie sind gerade dran, den Hochwasserrisikomanagementplan erarbeiten zu lassen. Schwerpunkte sind das große Regenrückhaltebecken im Süden des Ortes hinter dem ehemaligen Netto-Markt und das Regenrückhaltebecken an der Plutostraße. Dort sind die Felder das Einzugsgebiet. Von dort aus läuft das Wasser in das Sumpfgebiet am Haldenweg und dann in den Hegebach. Das hat immer zu Problemen im oberen Ort geführt. Inzwischen ist ja schon im Zuge der Hochwasserschadensbeseitigung einiges passiert. Die Hydraulik des Baches wurde verbessert, das Bachbett an Engstellen aufgeweitet. Da kann schon deutlich mehr Regenwasser ablaufen als vorher. Prävention ist wichtig, aber es wird uns nicht gelingen, alle Grundstücke zu schützen.

Was erwarten Sie denn vom neuen Gemeinderat?

Ich erwarte, dass alle Gemeinderäte im Interesse der Bürger mitentscheiden. Sie sind schließlich von ihnen zu diesem Zweck gewählt worden. Ich erwarte sachliche Diskussionen, viele gute Anregungen, Vorschläge, auch Kritiken. Wir haben ja eine Reihe gestandener Gemeinderäte mit viel Erfahrung, aber auch Neulinge. Ich werde auf jeden Fall unvoreingenommen herangehen.

Was könnte im Ort noch verbessert werden?

Da fällt mir einiges ein. Aber es kostet eben alles Geld. Die Infrastruktur stimmt noch im Ort. Schule, Ärzte, sogar noch ein Lebensmittel-Discounter. Wir leisten uns als eine der wenigen Kommunen in der Region noch den Luxus eines Sommerbades. Kritik gibt es immer wieder am öffentlichen Nahverkehr, der keine idealen Anbindungen bringt. Genauso haben wir Nachholebedarf bei den Radwegeanbindungen. Der wichtige Radweg endet an der B 180. Die Leute wünschen sich eine Anbindung an den Lugauer Radweg und in die andere Richtung, quasi zum Muldental. Dort bemüht sich ja derzeit Callenberg. Aber es nützt aus meiner Sicht nichts, wenn man auf Straßen nur Radfahrstreifen markiert. Da ist der Landkreis gefordert, ein praktikables Konzept vorzulegen und umzusetzen. Doch alles in allem, wenn ich Gersdorf mit manchen Dörfern in Brandenburg vergleiche, dann ist unser Ort aber wirklich lebens- und liebenswert.

Der Windpark westlich von Gersdorf wächst weiter. Was halten die Gersdorfer davon?

Wir wissen, dass es viel Kritik gibt, vor allem aus der Siedlung Falkepark an der B 180. Bei den hohen Anlagen wird der Schall in höheren Luftschichten transportiert und trifft im Südosten am Hang auf. Das nervt die Anwohner. Direkt an den Anlagen hört man wenig. Wir als Gemeinderat, ebenso der Bernsdorfer, haben die Vorhaben abgelehnt. Doch das Landratsamt hat die Baugenehmigung erteilt. Dagegen sind wir machtlos.

Gilt Gersdorf noch als Tal der Ahnungslosen oder macht der Breitbandausbau fortschritte?

Es gibt inzwischen viele Leute, die sich einen Anschluss mit 16 Megabits pro Sekunde gekauft haben. Aber ganz ehrlich, selbst dieser Wert wird kaum erreicht. Die Telekom baut bei uns im Ort gerade das Netz aus. Der Telekommunikationsriese montiert zurzeit die aktiven Komponenten. Ich hoffe, dass am Jahresende alles fertig ist und unseren Bürgern dann eine größere Bandbreite zur Verfügung steht.

Bewertung des Artikels: Noch keine Bewertungen abgegeben
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...