Die Königin bekommt ihre Stimme zurück

Rund 100.000 Euro hat die Restaurierung der Jehmlich-Orgel in der Gersdorfer Marienkirche gekostet. Am Sonntag soll das Instrument im Gotteshaus erstmals wieder klanggewaltig ertönen.

Gersdorf.

Nein, schwer ist die lange Orgelpfeife nicht, die Josef Poldrack zu seinem Chef Ekkehart Groß über die Orgelempore der Gersdorfer Marienkirche reicht und dann nach oben in den Prospekt zu Roland Gotzmann hievt. "Eine Zinnpfeife wäre deutlich schwerer. Die mussten aber im Ersten Weltkrieg für die Kriegsproduktion abgeliefert werden. Die hier ist aus Zink", sagt Groß. Trotzdem, beim Einbau wird sie vorsichtiger behandelt als ein rohes Ei. Sie ist mit 3,60 Meter Länge die größte der Prospektpfeifen. Die sind ganz vorn und von überall zu sehen. Jede noch so kleine Delle würde nicht nur den Klang, sondern auch das Antlitz der restaurierten Orgel beeinträchtigen. Die sichtbaren Prospektpfeifen bekamen eine neue Patina. Der matt glänzende Alu-Bronze-Überzug soll optisch Zinneindruck vermitteln.

Groß, dessen Firma in Waditz ansässig ist, war selbst Kantor, hat später auf Orgelbau umgelernt. Er weiß, worauf es bei den restaurierten Pfeifen ankommt: "Intonation, das ist nicht nur die Schönheit der Töne. Die Töne der Pfeifen dürfen nicht kratzen, die Lautstärke muss stimmen. Ebenso die Präzision des Einschwingverhaltens." Die Tonhöhe ist eine Extrageschichte, erklärt er. Nach dem Einbau werden die Pfeifen Reihe für Reihe gestimmt. "An die hinteren kommst du später ja nicht mehr heran", sagt Groß. 2186 Metallpfeifen, 340 Holzpfeifen und 280 Zungen für Posaunen und Trompeten sind wieder einzubauen.

Roland Gotzmann arbeitet sich durch die Holzpfeifen, die größte misst 5,60 Meter. Sie bekommen den richtigen Ton durch das Verändern der Öffnung am oberen Ende. Dort sitzt ein Holzschieber. An gedeckelten Metallpfeifen bringt das Verschieben des "Hutes" den richtigen Ton, bei offenen Pfeifen das Auf- oder Einbiegen einer Metalllasche. "Natürlich könnten wir mit einer Stimmgabel arbeiten, um den richtigen Ton einzustellen. Aber in Zeiten von Hightech ist das fast antiquiert. Das geht heute sogar schon mit der richtigen App auf dem Smartphone", erklärt Groß. "Wir verwenden natürlich einen Stimm-Computer. Aber sowohl die Elektronik als auch die Ohren haben ihre Grenzen." Ein sehr gutes Gehör nimmt Tonfrequenzen zwischen 20 Hertz und 20 Kilohertz wahr. Immer wieder werden die Töne angeschlagen, die Pfeifen Stück für Stück gestimmt. Die große Zahl der Pfeifen macht das Intonieren zur Sisyphusarbeit. Als die von Wilhelm Fürchtegott Jehmlich gebaute Orgel im Jahr 1869 ihren Dienst aufnahm, besaß sie lediglich 1848 Pfeifen, verteilt auf 32 Register. Hoforganist Johann Gottlieb Töpfer aus Weimar hatte sie damals abgenommen und für gut befunden. 1913 wurde die pneumatische Kegelladenorgel von der Firma Jehmlich stark erweitert auf rund 2800 Pfeifen und 44 Register. "Ich glaube inzwischen, dass die Jehmlich-Truppe damals das Instrument nicht ordentlich intoniert hat", sagt Groß. Gründe könne es einige geben: kein Geld, keine Lust oder vielleicht sogar Unvermögen, orakelt er. Im Zuge der mehr als 100.000 Euro teuren Restaurierung wurde nun vieles korrigiert, versichert er.

Am Sonntag soll die Königin der Instrumente zum Gottesdienst in der Gersdorfer Marienkirche erstmals wieder klanggewaltig ertönen.

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