Die Tragödie in der Sachsenkurve

Ein tödlicher Unfall überschattete den Grand Prix vor fünf Jahren auf dem Sachsenring. Die Staatsanwaltschaft hat jetzt Einblick in die Ermittlungs-akten gewährt. Sie lassen zwar keine Zweifel an der Unschuld von Fahrer Kurt Hock. Aber er bleibt ein gezeichneter Mann.

Hohenstein-Ernstthal.

Der Tod hat es manchmal besonders eilig. Es ist der 12. Juli 2014, ein schöner, lauer Sommerabend auf dem Sachsenring bei Hohenstein-Ernstthal, und ihm reichen ein paar Sekunden. Von der Stelle aus, an der der Fahrer gemerkt haben muss, dass die 190 PS nicht mehr zu beherrschen sind, bis zum Aufprall an der harten, feuerverzinkten Leitplanke aus Stahl waren es vielleicht 200 Meter. Da bleibt wenig Zeit für irgendetwas.

Mit 160 Stundenkilometern war das Seitenwagengespann von Kurt Hock und Enrico Becker beim letzten Trainingslauf während des Grand-Prix-Wochenendes im Juli 2014 in das Kiesbett gerast und dann in die Leitplanke gekracht. Das überlebt man nicht so einfach. Beifahrer Enrico Becker aus Drübeck im Harz war bereits kurz vor dem Aufprall aus der Maschine geschleudert worden; der 31-Jährige starb noch an der Unfallstelle. Kurt Hock dagegen, der Mann aus Oberursel im Taunus, der die Maschine gelenkt hat, blieb am Leben. Mit den Fotos aus der Ermittlungsakte, die die Staatsanwaltschaft Zwickau jetzt knapp fünf Jahre nach der Tragödie der "Freien Presse" zur Verfügung gestellt hat, lässt sich der bis heute letzte tödliche Unfall bei einem Rennen auf dem Sachsenring nicht nur exakt rekonstruieren. Es wird auch klar, dass es ein Wunder ist, solch einen Horror-Crash zu überleben. Doch so ein Wunder hat einen hohen Preis.

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Brigitte Hock schiebt einen Rollstuhl über den langen, breiten Gang. In dem Wagen sitzt Ehemann Kurt, er ist angeschnallt, damit er nicht nach unten rutscht und herausfällt. Das Leben schreibt schöne Geschichten, aber auch ganz bittere, und es ist Zynismus in fast vollendeter Form, dass einer der besten Sidecar-Piloten, die Deutschland je hatte, nicht einmal mehr allein mit dem Rollstuhl fahren kann. "Der Kurt, der wird nicht mehr", sagt Brigitte Hock. Fünf Jahre nach dem Unfall, 400 Kilometer von hier entfernt, hat die Frau keine Illusionen mehr. Ihr Mann ist 58 Jahre alt und lebt in einem Pflegezentrum im Taunus für ganz schwere Fälle, Rehabilitationsstufe F, das ist die höchste, die es gibt. In diesem Pflegezentrum leben Menschen, deren Körper schwerste neurologische Schädigungen davongetragen haben und bei denen keine Besserung mehr in Sicht ist.

Am zurückliegenden Sonntag hat Brigitte Hock, eine kleine, zierliche, aber resolut wirkende Frau, frischen Erdbeerkuchen mitgebracht. Sie ist froh, dass ihr Mann wenigstens sie und seine beiden Töchter und vielleicht noch ein paar enge Verwandte wiedererkennt. Kurt Hock weiß nichts mehr von dem Unglück im Juli 2014, als er von dem schweren Gespann begraben und schwerst verletzt worden war. Brigitte Hock berichtet im großen Wintergarten des Pflegezentrums, sie habe ihrem Mann einmal gesagt, dass er sich wegen eines Unfalls hier befinde. Kurt hätte daraufhin mit dem Kopf geschüttelt und schwer verständlich geantwortet - denn auch sein Sprachvermögen ist stark eingeschränkt - , dass das nicht stimme.
"Wenn ich mit Kurt sonntags in seinem Zimmer manchmal Formel 1 anschaue und er ein rotes Auto auf dem Bildschirm entdeckt, dann ruft er, Schumi, Schumi", erzählt die Ehefrau. Im Dezember 2013 war Michael Schumacher nach einem Skiunfall ins Koma gefallen, sieben Monate vor dem tödlichen Seitenwagen-Unglück auf dem Sachsenring, und die ganze Welt sprach davon. Nur Kurt Hock, einer der größten Schumi-Fans, weiß davon nichts mehr. Brigitte Hock schiebt ihren Mann den langen Korridor vom Wintergarten zurück ins Zimmer. Auf dem Regal stehen ein paar Pokale, die Hock auf dem Nürburgring oder in Le Mans gewonnen hat. Seine Schwester Monika hat ihm auf einem DIN-A4-Bogen in Druckbuchstaben eine Botschaft an die Wand gesteckt: "Lieber Kurt. Werde bitte wieder gesund. Wir warten auf Dich!" Das ist schon eine Weile her. Nun glaubt keiner mehr daran, dass Kurt Hock wieder der Alte wird. Irgendwo in dem Zimmer hängt auch ein Farbfoto, das zwei Männer in blauer Lederkombi zeigt: Hock und seinen Beifahrer Enrico Becker.

Die beiden hatten sich gesucht und gefunden. Das sagt man so, wenn zwei zusammenhalten wie Pech und Schwefel, wenn man sich blind versteht und gut ergänzt, wenn sich der eine auf den anderen verlassen kann. Bei irgendeinem Rennen Anfang der 2000er-Jahre war der Beifahrer von Kurt Hock ausgefallen. Es musste schnell eine Lösung her, und da lief ihm der lange, schlaksige Becker über den Weg. Der Junge war um die 20 und mit seinem Vater an der Strecke, ebenfalls ein erfolgreicher Rennfahrer. Man kennt sich in der Szene und so ergab das eine das andere, Enrico wurde Kurts Co-Pilot, elf Jahre lang. Es war eine jener schicksalhaften Begegnungen, von denen keiner ahnt, welchen Lauf sie einmal nehmen.
Mit 200 bis 250 Sachen tollkühn über eine Rennstrecke zu rasen, vielleicht ist das der Sieg des Irrationalen über die Vernunft. Trotzdem geht kein Rennfahrer ernsthaft davon aus, dass ihn ein böses Ende ereilt, zumindest nicht auf der Piste, wenn es um Bruchteile von Sekunden geht, um Titel und Pokale. "Der Mensch spielt leichtfertig mit dem Tragischen, weil er an die Existenz des Tragischen in der zivilisierten Welt nicht glaubt", hat der spanische Philosoph José Ortega y Gasset einmal gesagt. Dieser Satz trifft den Punkt ganz gut. Am vergangenen Sonntag kommt auch der Vater von Kurt Hock mit einem engen Freund und dessen Frau in das Pflegezentrum, um seinen Sohn zu besuchen. "Kurt hat einmal erzählt, die Fahrt mit dem Auto zu einem Rennen und dann zurück nach Hause sei gefährlicher als das Rennen selbst", sagt er. Helmut Hock hat früher in seiner Freizeit Seitenwagengespanne montiert, seinem Sohn das Hobby in die Wiege gelegt. Dann fügt er noch hinzu: "Aber vielleicht will man als Rennfahrer einfach nur nicht wahrhaben, dass immer etwas sehr Schlimmes passieren kann."

Dabei hatte Kurt Hock schon einmal eine schwere Schulterverletzung erlitten, als ihn ein Konkurrent von der Strecke schoss. Schon das hätte böse ausgehen können. Damals war Enrico Becker noch nicht sein Beifahrer. Beide wurden in den Jahren danach ein perfektes Team, holten mehrmals den deutschen Vizemeistertitel. Sie kannten die meisten Rennstrecken in Europa - doch keine lag ihnen so am Herzen wie der Sachsenring. Das beruhte auf Gegenseitigkeit. "Die Fans liebten Kurt und Enrico. Sie wollten nicht nur Autogramme, sie brachten den beiden sogar Bratwürste ins Zelt", sagt Brigitte Hock. Im Wintergarten des Pflegezentrums muss sie ihrem Mann helfen, die kleine Gabel mit dem Erdbeerkuchen an den Mund zu führen. Ausgerechnet auf dem Sachsenring, wo es am schönsten war, da hatte alles ein Ende.

Am 12. Juli lacht die Sonne über Hohenstein-Ernstthal, nur selten zeigt sich mal ein kleines Wölkchen. Es ist trocken und mit etwas über 20 Grad nicht zu warm und nicht zu kalt. "Bestes Rennwetter", erinnert sich Rolf Erdmann (76). "Wir hatten alle gute Laune und freuten uns auf das Training am Abend." Erdmann ist der enge Freund der Familie Hock, der Vater Helmut zu seinem Sohn begleitet hat. Erdmann war früher Motorradhändler und hat Kurt und Enrico vor ein paar Jahren das Seitenwagengespann (1000 Kubikzentimeter) gekauft, mit dem sie zu einem der besten deutschen Teams geworden waren. Das Zeitfahrtraining, das über die Startaufstellung des Weltmeisterschaftsrennens am nächsten Tag entscheiden sollte, läuft gut. Hock und Becker haben die zweitbeste Rundenzeit, als sie noch einmal in die Boxengasse rollen und etwas an der Elektronik verändern wollen. Zur Bestzeit fehlt nur ein Quäntchen, und Kurt Hock sagt beim Weiterfahren: "Ich drück jetzt noch mal einen rein." Das sind seine letzten Worte vor dem Unfall. Daran kann sich sein Vater erinnern, als wäre es heute.

Die Fotos aus den Ermittlungsakten der Staatsanwaltschaft stammen aus den Streckensicherungskameras. Die Qualität der Aufnahmen ist nicht besonders gut, aber sie dokumentieren mit dem Sachverständigengutachten zum einen den genauen Unfallhergang, zum anderen sprechen sie Fahrer Kurt Hock auch von jeglicher Schuld frei. Es ist 18.40 Uhr, als das Gespann die lange Bergabfahrt vor der Sachsenkurve in Angriff nimmt und die Geschwindigkeit immer mehr erhöht. Nirgendwo auf diesem Kurs sind die Rennmaschinen so schnell wie hier, Hock und Becker bringen es an dieser Stelle auf 230 Stundenkilometer. Hock merkt plötzlich, dass irgendetwas nicht stimmt, am sogenannten Anbremspunkt 100 Meter vor der Sachsenkurve funktionieren die Bremsen nicht. Er nimmt das Gas weg und schaltet nach unten - so kann er das Tempo beim Einbiegen in die Linkskurve wenigstens auf 160 drosseln. Aber das ist zu wenig. Auf 125 hätte es heruntergeschraubt werden müssen, um den Unfall zu verhindern. "Das haben die Berechnungen des Gutachters ergeben", so Staatsanwältin Ines Leonhardt.

Was in dem Augenblick in den Köpfen der beiden vor sich geht - es wird keiner erfahren. Das Seitenwagengespann rast geradeaus weiter in das Kiesbett. Becker versucht sich aufzurichten. Es ist nicht klar, ob er wie ein Motorradrennfahrer bei einem Sturz von der Maschine springen und sich im Kiesbett abrollen will oder ob es ihn unfreiwillig nach oben schleudert. Von der Stelle, an der er aus dem Wagen flog, bis zur Leitplanke waren es 64 Meter.

Hock kracht in dem Fahrzeug gegen die Leitplanke aus Stahl. Vater Helmut sieht alles auf einem Monitor, Ehefrau Brigitte und Rolf Erdmann sitzen auf einer entfernten Tribüne und erfahren erst im Fahrerlager von dem Drama. Während Kurt Hock wochenlang in einer Chemnitzer Klinik im künstlichen Koma liegt, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen ihn, wie sie es immer tut in solchen Fällen. Bald stellt sie das Verfahren wieder ein, Hock hat weder einen Fahrfehler begangen, noch ist er für den technischen Defekt, der schließlich als Unfallursache erkannt wird, verantwortlich. Laut Staatsanwaltschaft fehlte ein "Bolzen zwischen dem Bremsgestänge und dem Bremszylinder mit der Folge, dass keine Bremskraft auf die Räder übertragen wurde". Vermutlich war der Bolzen gebrochen, er wurde in dem Kiesbett nie gefunden. Hock entlaste auch, so heißt es in der Akte, dass das "Fahrerteam mehrere Runden der Rennstrecke problemlos durchfuhr".

Brigitte Hock steht neben ihrem Mann und zeigt auf das Bild, auf dem er mit Enrico Becker zu sehen ist. Sie deutet auf Enrico und fragt, ob er weiß, wer das ist. Kurt Hock schaut sie mit großen Augen an - und schüttelt mit dem Kopf.

Hock und Becker

Kurt Hock (links im Bild, es entstand vor einem Rennen im Frühjahr 2014) ist 58 Jahre alt, von Beruf war er Automechaniker. Mit dem Motorsport, den er seit seinem 18. Lebensjahr betrieb, war kein Geld zu verdienen. Sidecar-Fahrer gehören zwar zu den Exoten im Motorsport, aber sie stehen im Schatten der Zweirad-Piloten.

Enrico Becker wurde am 24. August 1982 in Wernigerode geboren. Er wurde mit Kurt Hock viermal Deutscher Vizemeister (2009 bis 2012). 2011 wurde das Duo sogar Dritter bei der Weltmeisterschaft. Becker war Student.

Bei Rennen auf dem alten Sachsenring verunglückten von 1934 bis 1990 19 Fahrer tödlich. Auf der neuen Strecke, auf der seit 1996 gefahren wird, ist Enrico Becker der Einzige, der ums Leben kam. Am Guthrie-Stein wird alljährlich der Opfer gedacht.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 3 Bewertungen
1Kommentare
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  • 4
    0
    Franziskamarcus
    16.05.2019

    Schöner Artikel,Danke.



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