Drogen - überall leicht zu bekommen

Die Konsumenten werden immer jünger - ein Streetworker empfiehlt Lehrern, im Landkreis einen Stammtisch zu gründen, der sich damit befasst.

Zwickau.

Fünfmal mehr Marihuana als 2017 hat die für den Landkreis Zwickau und das Vogtland zuständige Polizeidirektion (PD) 2018 sichergestellt: 97,8 Kilogramm. Für Christoph Ullmann, Streetworker beim Blauen Kreuz in Zwickau und Lichtenstein, nur die Spitze des Eisberges. Denn nicht nur die Menge wird größer, sondern auch die Konsumenten immer jünger. Vor zehn Jahren waren es 20-Jährige und Ältere, unter denen die Droge schick war. "In jüngster Zeit hat sich das geändert: Immer mehr 17-Jährige und Jüngere tauchen in der Szene auf."

Ullmann war auf Einladung der Landtagsabgeordneten Kerstin Nicolaus (CDU) ins "Schützenhaus" Wilkau-Haßlau gekommen, um mit Eltern, Lehrern und Interessierten über Wege aus der Sucht zu reden. Ob Spiel-, Drogen-, Alkohol- oder Magersucht - wer darüber redet, macht sich nicht unbedingt Freunde, sagte Kerstin Nicolaus. Sie sitzt selbst im Vorstand des Zwickauer Suchtselbsthilfevereins ADU und hat mitbekommen, wie schwer es ist, von all dem loszukommen.


Im Vorjahresbericht der Caritas-Suchtberatung in Zwickau ist von unveränderter Nachfrage und voller Auslastung aller Hilfsangebote die Rede. Laut Beratungsstellenleiter Wolfgang Wetzel liegt die Fallzahl pro Mitarbeiter mit 147 über dem Durchschnitt sächsischer Alkohol- und Drogenberatungsstellen. Unter den 886 Klienten hatten 419 Probleme mit illegalen Drogen. Das Hauptproblem in der Region sieht Wetzel allerdings im Crystal Meth: 279 Klienten waren dem trügerischen Spaßmacher verfallen. Das entspricht in etwa der Anzahl im Jahr 2017. Gestiegen sei die Zahl der Cannabiskonsumenten. 123 Klienten waren es im Vorjahr. Nach Einschätzung der Zwickauer Kriminalpolizei wende sich die Szene langsam von Crystal ab und dafür wieder hin zu Cannabis. Wetzel stellt allerdings klar: Alkohol bleibt die Droge Nummer eins. 439 Suchtfälle 2018 bezeugen das.

Gründe, warum Kinder und Jugendliche im Landkreis zum Joint greifen oder Pillen schlucken, gibt es viele. Streetworker Ullmann zufolge kommen sie häufig mit der rasanten Entwicklung der Gesellschaft nicht klar und flüchten in eine Scheinwelt. "Missbrauch und Sucht breiten sich dort aus, wo die Kommunikation Schaden genommen hat", sagt er. Beziehungen werden im virtuellen Raum gepflegt, die menschlichen Kontakte bleiben weg. Er sprach von erschütternden Videos und Bildern voller Gewalt und Sexualität, die er auf Handys Heranwachsender gesehen habe. Auf den Straßen würden Polizei und Bürgerschaft fehlen. "Die öffentlichen Räume entgleiten uns", sagt Ullmann.

Was tun? Ullmann plädiert für mehr Prävention. Mehr qualifizierte, kommunikationsstarke Polizisten, strengere Grenzkontrollen. Viel mehr Sport, viel mehr Kommunikation mit den Kindern. Eltern sollten auch Handys kontrollieren, empfiehlt der Streetworker, der für seine konservative Auslegung der Straßensozialarbeit bekannt ist. Und man müsse Kindern die Möglichkeit geben, einen Lebensentwurf zu finden, der sie stark mache.

Mehrere Schulen hätten mittlerweile die Notwendigkeit zum Handeln erkannt. Die Mülsener Oberschule sei ein Vorreiter, sagt Ullmann. Auch in der Lichtensteiner Oberschule habe man sich intensiv mit dem Thema befasst. Eine Zwickauer Oberschule habe einen Arbeitskreis gegründet, der ein Schulkonzept erarbeite. "Ein Lehrerstammtisch im Landkreis wäre ein Kracher", sagt Ullmann. Denn der klassische Ort für Prävention ist in seinen Augen die Schule. Viel Arbeit für die Schulen, stöhnte eine Schulleiterin, gab aber zu, dass das Sinn ergeben würde. Die Lehrpläne daraufhin zu durchforsten, was einem fürs Leben hilft, wäre in ihren Augen ein Anfang. Eine Grundschullehrerin wünschte sich ein Gratisvorschuljahr im gesamten Landkreis, damit alle Abc-Schützen gleiche Voraussetzungen haben.

Selbst in Orten wie Wilkau-Haßlau gibt es Ullmann zufolge eine starke Cannabis-Szene. Manchmal könne man den Fahrstuhl am Bahnhof vor Nebel nicht betreten. Ohne viel Aufwand seien Marihuana und Crystal binnen kürzester Zeit beschaffbar - mit dem Handy. "Das ist aber nicht nur in Wilkau-Haßlau so", sagt der Streetworker, "sondern das gilt in jedem Ort des Landkreises."


Haftstrafe für Hanfbauer

Hilfe finden Betroffene und Angehörige unter anderem in der Caritas-Suchtberatungsstelle an der Reichenbacher Straße 36 in Zwickau. Das Diakoniewerk Westsachsen bietet in der Friedrich-Engels-Straße 86 in Hohenstein-Ernstthal Hilfe an.

Nicht nur in und um Zwickau ist die Zahl der Cannabiskonsumenten in den Beratungsstellen gestiegen. Laut Caritas-Suchtberater Wolfgang Wetzel berichten Beratungsstellen sachsenweit über eine Zunahme der Fallzahlen. Die Erwartung, dass die Crystal-Welle ganz Deutschland erreicht, habe sich nicht erfüllt. Der massenhafte Konsum dieser Droge ist Wetzel zufolge bisher eine lokale Besonderheit in Sachsen und angrenzenden Bundesländern geblieben. 2018 registrierten die Suchtberater der Zwickauer Caritas keinen signifikanten Rückgang: 2017 gab es 269 Fälle, im Vorjahr waren es 247.

Die Polizei fand im Vorjahr deutlich mehr Marihuana. Im September wurde ein 35-Jähriger auf frischer Tat ertappt, der auf drei großen Flächen in Crossen im Wald und am Freibad Hanf angebaut hatte - 72Kilogramm für die Herstellung von Marihuana verwendbares Material. Er bekam eine Freiheitsstrafe von 3,5Jahren. Auch an der Miniwelt in Lichtenstein wurde eine Plantage entdeckt.

Rauschgiftfunde in der PD Zwickau

2017 2018

Marihuana 19,2 kg97,8 kg

Haschisch645 g224 g

Amphetamin 90 g17 g

Crystal855 g667 g

Ecstasy 1380 Stück 2315

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