Ein berühmter Literat mit krimineller Vergangenheit

Original Westsachse(n): Mit einer neuen Serie startet die "Freie Presse" ins neue Jahr. Vorgestellt werden Personen, Orte und Dinge, die einfach typisch für Westsachsen sind oder die Region weltbekannt machen. Zum Auftakt geht es um einen Schriftsteller, der ebenso produktiv wie umstritten war.

Hohenstein-Ernstthal.

Wenn nach dem berühmtesten Sohn der Stadt Hohenstein-Ernstthal gefragt wird, ist die Antwort klar: Karl May. Der bekannte Abenteuerschriftsteller hat viele Spuren hinterlassen, nicht zuletzt in den Zeiten, in denen er vom rechten Wege abgekommen ist. Auf der Flucht vor der Polizei sorgte er beispielsweise dafür, dass es mit der Karl-May-Höhle eine Sehenswürdigkeit gibt, die zwar relativ unscheinbar, aber dennoch sehr bekannt ist.

Versteckt im Oberwald liegt am munter dahin plätschernden Pechgraben der enge Stollen, den Bergleute wahrscheinlich 1620 auf der Suche nach Bodenschätzen in den Fels trieben. Räuber sollen sich hier schon versteckt haben, und im Jahr 1869 suchte auch Karl May hier Unterschlupf. Ob es dabei der Stollen war, der heute der Pilgerort vieler Neugieriger ist, oder ein anderer Gang, der durch die Arbeiten des nahen Steinbruches zerstört wurde, ist nicht endgültig geklärt. "Es kommen regelmäßig Leute zu uns, die sich nach dem Weg zur Karl-May-Höhle erkundigen", sagt Ute Weißbach aus der Stadtinformation in Hohenstein-Ernstthal. Hier gibt es nicht nur einen Stadtplan und Informationen zu den Stationen des Karl-May-Rundweges, sondern auch Literatur und Wein mit dem Antlitz des Literaten mit krimineller Vergangenheit.

Doch das ist längst nicht alles. Denn die Vielfalt der Würdigungen, die May als Namensgeber erfährt, ist riesig. Straße, Museum, Begegnungsstätte und Grundschule sind im Stadtteil Ernstthal nach ihm benannt. Eine Büste darf auch nicht fehlen. Sie steht am Neumarkt und damit dort, wo alle zwei Jahre das kleine Karl-May-Fest gefeiert wird. Dann gibt es auch einen Karl-May-Kochwettbewerb. Und das jährliche Skatturnier, das am 12. Januar seine 20. Auflage erfährt, ist ebenfalls längst Tradition. Seit mehr als 25 Jahren lassen sich echte Fans das Karl-May-Bier aus der Gersdorfer Glückauf-Brauerei schmecken, und Süßwaren mit May-Bezug gibt es ebenfalls. "Der Karl-May-Burger wurde auch schon kreiert", berichtet André Neubert, der seit 1993 Leiter des Karl-May-Hauses, in dem Leben und Werk des Literaten präsentiert und erforscht werden. Da es im kleinen Weberhäuschen mächtig eng zugeht, bekam es als Ergänzung eine Begegnungsstätte. Und demnächst soll auch Baubeginn für den viel diskutierten futuristisch gestalteten Depotanbau sein. "Karl May bietet eben immer Gesprächsstoff", sagt Neubert weniger mit Blick auf die Debatten um den Anbau. Vielmehr geht es ihm um die vielfältigen Aktivitäten der Anhängerschaft des Schriftstellers - unter anderem in einer Interessengemeinschaft, einem Wissenschaftlichen Beirat und in der etwa 1700 Mitglieder starken Karl-May-Gesellschaft. Sogar ein eigenes "Karl-May-Wiki" im Internet ist entstanden und liefert eine riesige Informationsflut. Dass der Forscherdrang dabei fast grenzenlos zu sein scheint, beweisen Themen wie die "Onanie-Affäre", die sich 1860 während Mays Zeit am Lehrerseminar in Plauen zugetragen hat.

Was der damals eher kriminelle als literarische aktive Ernstthaler ein paar Jahre später in der Karl-May-Höhle angestellt hat, ist dagegen nicht überliefert. Im damals noch schwerer zugänglichen und rund 30 Meter langen dunklen Stollen dürfte er aber viel Zeit gehabt haben, seine Gedanken in die Ferne schweifen zu lassen. Die Fantasie war es schließlich, die später Stoff für rund 90 Bücher liefern sollte, die eine riesige Verbreitung in der ganzen Welt gefunden haben. Die Auflage wird auf 100 Millionen Exemplare in Deutschland und die doppelte Anzahl weltweit geschätzt. In knapp 50 Sprachen sind die Geschichten von Winnetou, Old Shatterhand und all den anderen Karl-May-Helden erschienen. Fast 40 Filme oder Serien basieren auf dem Werk des Schriftstellers aus Hohenstein-Ernstthal.


Mit einem Uhrendiebstahl hat es begonnen

In Ernstthal wurde am 25. Februar 1842 Karl May geboren. Aus dem Geburtshaus, das heute Museum ist, zog die Familie bereits 1845 aus und wohnte dann am Neumarkt. Nach der Schulzeit in Ernstthal studierte May ab 1856 am Lehrerseminar in Waldenburg. Hier soll er Kerzen unterschlagen haben, weshalb er ausgeschlossen wurde und nur in Plauen weiterstudieren durfte. Nach dem Abschluss war er Hilfslehrer in Glauchau und Lehrer in Chemnitz, wo ihn ein vermeintlicher Uhrendiebstahl erstmals mit dem Gesetz in Konflikt brachte.

Verschiedene Gaunereien im Jahr 1864 brachten schließlich eine Verurteilung zu vier Jahren Arbeitshaus in Schloss Osterstein in Zwickau. Nach der Freilassung gab es erneute kriminelle Machenschaften, die ihn von 1870 bis 1874 ins Zuchthaus Waldheim brachten. Danach kehrte er zu seiner Familie nach Ernstthal zurück und begann seine Laufbahn als Schriftsteller. Die brachte ab 1880 zunehmend Erfolge, vor allem, nachdem May nach Dresden und später nach Radebeul gezogen war. Er starb am 30.März 1912 in Radebeul. (mpf)

0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...