Eine Woche ohne Auto - geht das?

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Im Selbsttest hat der "Freie Presse"-Reporter Benjamin Martin alle Termine ausschließlich mit Bus und Bahn erledigt. Er hat dabei gelernt: Wenn man nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln im Landkreis Zwickau unterwegs ist, sollte man sich nicht vor Erntearbeit scheuen, festes Schuhwerk besitzen und Geduld mitbringen.

Landkreis.

Ich bin ein Sparfuchs. Schon immer gewesen. Besonders in letzter Zeit bin ich zur Höchstform aufgelaufen. Ich verpasse keine Rabattaktion mehr, stelle das Wasser ab, wenn ich mich unter der Dusche einseife, und kratze nur noch eine Messerspitze Butter auf meinen Toast. Doch eine Sparmaßnahme habe ich bisher gekonnt ignoriert: mein Auto gegen ein Bus-Ticket einzutauschen.

Der Grund dafür lässt sich wohl mit einem einzigen Wort zusammenfassen: Bequemlichkeit. Außerdem ist man auf dem Land ohne Auto sowieso aufgeschmissen, oder? Nein, ich möchte meinen eigenen Ausflüchten nicht erliegen. Keine Ausreden mehr! Die Inflation grassiert, die Benzinpreise gehen durch die Decke und schon eine Tankfüllung kostet mehr als eine Monatskarte für die Öffis. Ich will ab sofort mit dem Bus fahren, komme was wolle.

Am allerersten Tag nach meiner felsenfesten Entscheidung Bus zu fahren, kann ich allerdings noch nicht gleich Bus fahren, da der Bus nicht fährt. Zumindest nicht in der Nähe meiner Haustür. Ich wohne in Kirchberg und muss erst durch den Wald marschieren und den Berg runterlaufen, um zur Haltestelle zu gelangen. Eines steht vorab schon einmal fest: Wer in der ländlichen Region mit dem Bus unterwegs ist, sollte gut zu Fuß sein.

An der Haltestelle stehe ich allein und schaue den Autofahrern zu, wie sie an mir vorbeisausen. Eine Nachbarin ist auch darunter, sie fährt rechts ran und fragt, ob sie mich bis nach Wilkau-Haßlau mitnehmen soll. Dankend lehne ich ab. Ich fahre ja ab jetzt mit dem Bus. Ich will kein Auto mehr von innen sehen.

Aufgrund der Bauarbeiten an der Kirchberger Bahnhofstraße kommt der Bus zwar verspätet, sammelt mich aber dennoch ein. Puh! Terminlich fällt mir ein Stein vom Herzen, denn laut Fahrplan fährt der nächste Bus erst in einer Stunde. Jetzt sind es nur noch 16 Stationen und ein kleiner Fußmarsch durch die Zwickauer Innenstadt bis zur Lokalredaktion der "Freien Presse".

Dort angekommen, fahre ich schnell den Computer hoch und tippe ein paar Absätze. Dann muss ich zum Termin nach Hohenstein-Ernstthal und dort ein Interview führen. Also rein in den Bus zum Bahnhof und mit dem Zug ab in die Karl-May-Geburtsstadt. In Hohenstein-Ernstthal laufe ich dann wieder einen Berg hoch. Es fährt auch ein Bus in die Straße, in die ich muss. Aber zu Fuß bin ich schneller. Etwas außer Puste setze ich mich auf eine Parkbank unter einem Apfelbaum. Dann höre ich eine Stimme. "Junger Mann, Sie können gleich mal hochsteigen und mir drei Äpfel für den Eierkuchen pflücken", bittet mich da eine Frau in Kittelschürze. Alte Damen in Not rette ich immer. Selbstverständlich hole ich ihr die Äpfel vom Baum. Dann habe ich aber keine Zeit mehr, denn ich muss zum Interview und danach gleich zum Zug, damit ich mit dem Bus zurück in die Redaktion komme, um dort meinen Artikel zu schreiben.

Am nächsten Morgen habe ich einen Termin im ehemaligen Schullandheim in Ebersbrunn, das jetzt Haasenwald heißt und eine Event-Location geworden ist. Von der Redaktion aus wären das ungefähr 20 Minuten Autofahrt. Mit dem Bus komme ich auf 30 Minuten. Allerdings liegen dann noch 1,2 Kilometer Fußweg vor mir, die ich später auch wieder zurückgehen muss. Während ich das Interview führe, schaue ich immer wieder auf die Uhr, damit ich den Bus nicht verpasse. Nachdem ich alle meine Fragen gestellt habe, renne ich querfeldein direkt zur Haltestelle. Zu spät. Der Bus ist weg. Erst in 30 Minuten kommt der nächste. Immerhin kann ich den neuen Artikel schon mal auf dem Handy tippen und im Wartehäuschen mein durchgeschwitztes T-Shirt wechseln. Außer mir steht ja eh niemand dort.

Mein letzter Außentermin in der Woche führt mich nach Eckersbach. Nach nur einer Busstation muss ich umsteigen. Aber der Anschlussbus fährt dort gar nicht ab. Laut Internet müsste er das aber. Ich warte vorsichtshalber noch ein paar Minuten, bevor ich dann den Berg zur Vogelsiedlung zu Fuß besteige. Der Bus zurück ins "Tal" fährt ironischerweise problemlos.

Nach getaner Arbeit, den üblichen 16 Stationen nach Kirchberg und der Wanderung durch den Wald, setze ich mich zu Hause einmal kurz in mein Auto und stelle den Sitz in Schräglage. Wenn ich schon nicht mit dem Auto fahre, kann ich mich aber wenigstens im Auto vom Bus-Marathon erholen und ein Resümee ziehen. Sind die öffentlichen Verkehrsmittel auf dem Land nun wirklich eine Alternative zum Auto? Ja, wenn man fest geregelte Arbeits- oder Schulzeiten hat und in der Nähe einer Bushaltestelle wohnt. Oder wenn man seinen Tagesplan direkt auf die Busfahrzeiten abstimmen kann. Dann hört es aber auch schon auf. Spontan mal den Bus oder den Zug zu nehmen, erfordert Geduld, wenn man nicht gerade Glück hat.

Das größte Problem ist aber, dass kleine Ortschaften oder Dörfer kaum mehr angefahren werden. Höchstens vom Schulbus. Da bringt einem auch ein kostengünstiges Angebot für den öffentlichen Personennahverkehr wie das 9-Euro-Ticket nicht viel.

Aus der autofreien Woche sind am Ende vier geworden. Nach einem Monat in Bus und Bahn bleibt das Auto für mich leider dennoch unverzichtbar. Ich kann nur Zeit oder Geld sparen. Es sei denn, ich borge mir ein Pferd aus dem Nachbardorf. Diese Option habe ich mir bis jetzt noch gar nicht durchgerechnet. Könnte aber auch teuer werden.

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