Er bleibt bei seinen Leisten

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Langenchursdorf.

Als gelernter Schuhmachermeister hat Günter Herold auch mit 79 Jahren gut zu tun. Der Handwerker, der im Callenberger Ortsteil Langenchursdorf zu Hause ist, kann und will einfach nicht mit der Arbeit aufhören. In seiner kleinen Werkstatt im Schuppen werden aber keine Schuhe mehr gemacht, sondern nur noch repariert. Ein Paar helle Damenschuhe haben eine neue Decksohle bekommen. "Die ist aus Ziegenleder und wird eingeklebt", sagt der Handwerksmeister, der 1961 den Meisterbrief machte. Von 1954 bis 1957 hatte er gelernt. Damals wurden die Sohlen und vieles andere am Schuh noch genagelt oder genäht, während heute oftmals Kleber zum Einsatz kommt. "Da muss man fast schon Chemiker sein", sagt der Experte, der die Qualität des Klebers aber zu schätzen weiß. Die ist heute eben viel besser als zu DDR-Zeiten, als es dieses Verfahren auch schon gab.

Doch in all den Jahrzehnten haben sich für ihn auch viele Veränderungen ergeben, vor allem wenn er auf die Wertschätzung und die Bedeutung des Schuhwerkes schaut. In der Nachkriegszeit waren für Schuhreparaturen Punkte nötig, die zu den Lebensmittelmarken gehörten. Ein neues Paar Schuhe war damals für viele ein echter Luxus. "Heute hat man das Gefühl, sie sind ein Wegwerfprodukt", sagt Günter Herold. Doch das ist nicht bei allen Leuten der Fall, und über mangelnde Arbeit kann der Handwerker nicht klagen.


Manch ein Senior hat Schuhe aus DDR-Zeiten, die eben wie angegossen passen und deshalb immer wieder repariert werden. Sohlen oder Absätze sind da oftmals die Schwachstellen. In drei Schuhgeschäften in Hohenstein-Ernstthal und Oberlungwitz können Aufträge abgegeben werden, die Herold dann erledigt. "Ich brauche diese Beschäftigung. Es ist wichtig, dass man auch im Alter eine Aufgabe hat und nicht nur vor dem Fernseher sitzt", sagt er.

Schuhe komplett neu angefertigt hat er schon seit Jahren nicht mehr. Doch es würde noch klappen. Zunächst wäre dafür ein exakter Fußabdruck zu machen, anschließend werden Maße vom Fuß genommen, um später die Leisten zu formen, um die der neue Schuh dann nach und nach entsteht. "Jeder Schuh ist ein Unikat und echte Maßarbeit", versichert Herold. Etwa drei Arbeitstage seien für ein Paar Schuhe nötig gewesen. Spezielle Zangen, mit denen das Leder gezogen wird, die Ausputzmaschine zum Fräsen und Schleifen oder robuste Nadeln zum Vernähen sind bis heute in der Werkstatt zu finden. Massiv ist auch ein Metallständer, dessen Formaufsätze gewechselt werden können, wenn beispielsweise unterschiedlich große Schuhe repariert werden.

"Ich habe aber nicht nur mit Schuhen zu tun. Manchmal wird auch ein Halfter für ein Pferd repariert oder ein neuer Reißverschluss in einer Lederjacke eingenäht", sagt der Langenchursdorfer, der sich auch gern an Spezialaufträge früherer Jahre erinnert. Für Rennfahrer Uwe Wächtler mussten beispielsweise Stiefel gefertigt werden, die zur schwarz-roten Kombi passten. "So etwas hat wirklich Spaß gemacht", sagt Herold, der so manchen Rennfahrer ausstattete.

Wenn er heute in einem Schuhgeschäft ist, um beispielsweise die Schuhe abzuliefern, die er repariert hat, schaut er sich hin und wieder moderne Exemplare im mittleren Preissegment an. "Bei den meisten erkennt man die Schwachstellen und weiß, was auf einen zukommt", sagt er. Von absoluten Billigschuhen kann er nur abraten, denn es sei schon regelmäßig der Fall gewesen, dass Leute mit zwei Wochen alten Schuhen zum ihm kamen, weil sich die Sohle löst. Trotz der vielen Arbeit sieht er keine wirkliche Zukunft für sein Handwerk. Der eigene Sohn ist immerhin Orthopädieschuhmacher, was aber ein eigener Ausbildungsberuf ist. Die Leute, die in manchen Einkaufszentren Reparaturen anbieten, können die Tradition nicht am Leben erhalten. "Die haben nur mal fünf oder sechs Wochen bei einem Meister zugeschaut", sagt Günter Herold, der in der eigenen Ausbildung sogar Details über die Lederherstellung und -bearbeitung oder die 26 Knochen des Fußes gelernt hat. Der Spruch "Schuster, bleib bei deinen Leisten" hat für den Senior mittlerweile eine besondere Bedeutung. Denn er hat 500 Paar Leisten aus seiner Werkstatt nach England verkauft, wo sie von Dekorateuren gesucht wurden.

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