Er stickt auch Autogramme nach

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern auf die Finger.

Hohenstein-Ernstthal.

Seine 80Lebensjahre sieht man Peter Lawrenz aus Hohenstein-Ernstthal nicht an. In seiner kleinen Werkstatt an der Herrmannstraße denkt er auch noch nicht so recht an den Ruhestand und hat hier fast täglich zu tun. Denn Arbeit gibt es für den Stickermeister genug. Mal müssen Namen auf Textilien gestickt werden, oft auch Logos auf die Kleidung für die Mitarbeiter von Firmen der Region, die teils seit Jahrzehnten seine Kunden sind. Feuerwehrwappen oder andere Kleinserien wie Rückenbestickungen von Jacken entstehen ebenfalls. Besondere Aufträge gab es auch schon: Motorsportfans ließen sich Schriftzüge, die per Stift auf Kleidungsstücke gekommen waren, von Peter Lawrenz per Stickerei dauerhaft haltbar machen.

Im Vergleich zu Druck oder Beflockung von Textilen hat das Vorteile. "Das Sticken ist die edelste und haltbarste Variante", betont Peter Lawrenz. Etwa 30 verschiedene Garnfarben setzt er regelmäßig in seiner Werkstatt ein. Lieferbar wären mehr als 240. Die teils aufwendigen Muster oder Schriftzüge kommen noch per Diskette in die computergesteuerte Nähmaschine mit Stickaufsatz, die er im Jahr 2001 erworben hatte. Die Entwürfe werden dafür mit einem speziellen Computerprogramm in die nötigen Daten umgewandelt. "Die Maschine darf nicht kaputtgehen. Etwas Neues würde sich nicht mehr lohnen", sagt der Stickermeister, der aber auch ohne modernste Technik arbeiten kann. Denn zumindest einfache Muster oder Namen lassen sich auch gut auf der Adler-Stickmaschine ausführen, die schon fast 100 Jahre auf dem Buckel hat.


Bevor gestickt werden kann, wird normalerweise der Entwurf vorgezeichnet. Der Stoff, auf dem gestickt werden soll, kommt in einen runden Stickrahmen, den Lawrenz dann geschickt von Hand führt. Doch das ist nicht die einzige Herausforderung an der Maschine. Sie wird von einem Elektromotor angetrieben. Mit dem Fußtritt wird das Tempo der Nadel gesteuert, doch bei einer Stickmaschine kommt noch eine mechanische Steuermöglichkeit hinzu. Per Kniehebel wird die Stichbreite geregelt. Diese Technik wurde um 1930 eingeführt und beschleunigte die Arbeit deutlich. "Das muss man natürlich lange üben. Die Ausbildung hat ja auch drei Jahre gedauert", sagt Peter Lawrenz über die Koordination der verschiedenen Bewegungen, die an der alten Maschine gefragt sind. An ihr hat der Stickermeister bestimmt einige Tausend Namen auf ein oder zwei Zentimeter breite Baumwollbänder gestickt, die vor allem zu DDR-Zeiten in Kinder- und Senioreneinrichtungen, aber auch in Betrieben zur Zuordnung zu ihrem Besitzer an Textilien genäht wurden.

Zwischen der alten Adler-Stickmaschine und dem neuen Modell mit Computersteuerung gab es in der Stickerei Lawrenz, die aus der um 1920 gegründeten Stickerei Engelbrecht hervorgegangen ist, noch eine andere Technik. Im Jahr 1950 wurde ein Dreikopfstickautomat mit Lochkartensteuerung angeschafft. Nach der Wende setzte Lawrenz einen Vierkopfstickautomaten mit eben jener Steuertechnik ein. Die Lochkarten mussten dafür von Experten gefertigt werden. Diese Maschinen machten die Arbeit deutlich produktiver, denn das Muster wurde parallel an mehreren Stickköpfen erstellt. Das hohe Tempo nützte vor allem bei der Serienproduktion, zum Beispiel für Firmenkleidung oder Wimpel.

Im vergangenen Jahr hat Peter Lawrenz seinen goldenen Meisterbrief bekommen, der daran erinnert, dass er 1968 in Dresden die Meisterprüfung abgelegt hat. Die Lehre absolvierte er von 1958 bis 1960. Im Jahr 1978 übernahm er den Handwerksbetrieb von seiner Mutter Hildegard Lawrenz. Bis 1985 bekam Peter Lawrenz noch Unterstützung von seiner Ehefrau, doch dann konnte sich das Kleinunternehmen aus wirtschaftlichen Gründen auch diese Angestellte nicht mehr leisten. Nach der Wende wurde das Angebot erweitert, denn nun wurden auch Handtücher und andere Heimtextilien vertrieben, oftmals mit aufgestickten Namen oder Widmungen. Mangels eines Nachfolgers wird die kleine Stickerei-Werkstatt, die eine der letzten in der Region ist, voraussichtlich keine Zukunft haben.

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