"Große Entscheidungen brauchen Zeit"

Beraterin Petra Gelfert-Groß über ungewollte Schwangerschaft, die Pflichtberatung als Chance und sogenannte Lebensschützer

Hohenstein-Ernstthal.

Wenn Frauen in Deutschland ihre Schwangerschaft abbrechen wollen, müssen sie sich vorher beraten lassen. Diese Pflicht ist immer wieder öffentliches Streitthema, auch jetzt wieder. In Hohenstein-Ernstthal kommen Betroffene zur Arbeiterwohlfahrt (Awo), um die Beratung in Anspruch zu nehmen - Petra Gelfert-Groß berät seit 17 Jahren Frauen, die ungewollt schwanger sind. Redakteurin Heike Hampl hat sich mit ihr unterhalten.

Freie Presse: Frau Gelfert-Groß, Sie beraten Frauen, die ihre Schwangerschaft abbrechen wollen. Das klingt nach einer schwierigen Aufgabe.

Petra Gelfert-Groß: Schwer haben es vor allem die Frauen, die zu uns kommen. Ich versuche, ihnen dabei zu helfen, eine Entscheidung zu treffen, mit der sie leben können. Schließlich sind es die Frauen, die ihr restliches Leben mit der Entscheidung klarkommen müssen.

Versuchen Sie als Beraterin, die Frauen zu überzeugen, ihr Kind doch auszutragen?

Das Gesetz schreibt vor, wie ich das Gespräch führen muss. Es muss dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen, aber gleichzeitig ergebnisoffen sein. Sie sehen schon: Diese beiden Dinge stehen im Widerspruch. Ich versuche, ganz genau hinzuhören und zu spüren, wie die individuelle Situation der Frau aussieht. Ich kann, darf und möchte sie aber zu nichts überreden.

Die Frauen, die zu Ihnen kommen, tun das nicht aus freien Stücken. Sie sind dazu verpflichtet. Lassen sie sich trotzdem auf das Gespräch ein?

Die allermeisten sind trotz der Beratungspflicht offen. Sonst wäre das in der Tat für alle Beteiligten sehr unangenehm. Nur die wenigsten sind und bleiben verschlossen. Aber auch diese Frauen haben ihre Gründe, erleben eine große Belastung und haben nicht den Mut, sich zu öffnen. Auch das respektieren wir. Wir machen den Frauen in so einem Fall klar, dass sie jederzeit wiederkommen können.

Wie beginnen Sie ein so schwieriges Gespräch?

Wir lassen die Frauen erst mal in Ruhe ankommen, schaffen Vertrauen, nehmen Ängste. Wir thematisieren auch, dass es zwar eine Pflicht ist, hier zu sein, dass es aber auch eine Chance sein kann. Ich sage den Frauen ganz klar: "Mich müssen Sie nicht von Ihrer Entscheidung überzeugen." Ich vermittle den Frauen Wertschätzung, höre zu, ohne zu bewerten.

Jeder Mensch hat Vorurteile, Sie nicht?

Natürlich, aber ich mache mir meine Vorurteile bewusst. Es ist meine Aufgabe, genau hinzusehen und eben nicht zu pauschalisieren. Jeder Mensch steckt in seiner ureigenen Situation, die es gilt zu beleuchten. In vielen Situationen ist Mitgefühl angebracht, aber manchmal müssen auch unangenehme Tatsachen angesprochen werden.

Sind Sie in den Gesprächen mehr Zuhörerin oder Rednerin?

Natürlich gebe ich den Frauen alle Informationen, die für sie wichtig sind. Aber vor allem höre ich zu, versuche, ganz nah an ihnen dran zu sein. So kann ein Bild von dem entstehen, was die Frauen wirklich brauchen. Mir ist es wichtig, dass sie merken, dass unsere Beratungsstelle ein Ort der Hilfe ist. Und das gilt für alle: Sowohl für die Frauen, die ihr Kind bekommen, denen wir benötigte Unterstützung bieten. Aber auch für die, die sich für einen Abbruch entscheiden - auch sie können wiederkommen und mit uns über das reden, was geschehen ist.

Was halten Sie von der Beratungspflicht?

Ich finde, psychosoziale Beratung sollte immer freiwillig sein. Aber ich sehe in der Pflichtberatung auch eine Chance. Eine gute Beratung schafft Raum für freies Reden, Denken und Fühlen. Im Alltag müssen wir alle funktionieren, uns kontrollieren; Frauen müssen oft das Familiensystem am Laufen halten. Die Beratung bietet den Impuls, zu überlegen: Was will ich wirklich? Was traue ich mir zu? Und nicht nur zu schauen, was erwartet mein Umfeld von mir.

Das heißt, die Frauen wissen vor der Beratung manchmal doch nicht so genau, was sie wollen?

Es gibt ein schönes Bild dafür. Stellen Sie sich ihr Bewusstsein wie einen Eisberg vor. 20 Prozent davon sehen sie. Aber 80 Prozent liegen unter Wasser. Mit einem guten Zuhörer können sie abtauchen und erkennen, was da noch unter der Oberfläche schlummert. Solche Momente können für wichtige Entscheidungen Gold wert sein. Viele Frauen verlassen unsere Beratungsstelle dankbar und gleichzeitig nachdenklich .

Müssen die Frauen lange auf einen Termin bei Ihnen warten?

Wir vergeben kurzfristig Termine. Aber: Ich plädiere immer dafür, dass Frauen, die gerade von der Schwangerschaft erfahren haben, eine Nacht darüber schlafen. Da steht man ja erst mal unter Schock. Große Entscheidungen brauchen Zeit.

Zwischen der Beratung und dem Abbruch müssen drei Tage liegen. Es gibt Frauen, die diese Zeit als Belastung schildern.

Das verstehe ich. Aber ich meine auch: Diejenige, die sich sicher ist, dass sie die Schwangerschaft abbrechen will, verliert in den drei Tagen nichts. Die Tage bieten aber Zeit für Gedanken, Gefühle, auch für Trauer. Besser, dieser Prozess beginnt vorher als erst hinterher. Dann ist es zu spät.

Gibt es Frauen, die in Begleitung zur Beratung kommen?

Die meisten kommen alleine, aber es gibt schon Fälle, in denen der Partner, die Mutter, eine Freundin oder auch beide Eltern mitkommen. Gerade bei jungen Klientinnen, deren Eltern auf den Abbruch drängen, erkläre ich auch den Eltern, was ein Abbruch für die Frau, für ihre Tochter, bedeuten kann.

In der DDR war Abtreibung legal. Spüren Sie Auswirkungen der Geschichte noch heute?

Dazu fehlt mir der Vergleich mit den alten Bundesländern, ich berate ja immer schon in Sachsen. Aber ich glaube, seither ist ordentlich viel Zeit vergangen. Aus meiner eigenen Erinnerung kann ich sagen, dass es auch in der DDR ein Bewusstsein dafür gab, dass der Schwangerschaftsabbruch eine große Entscheidung ist. Der Unterschied ist vielleicht, dass es in der DDR nicht diese religiöse Dimension von der "Sünde" gab.

Sie und Ihre Kolleginnen werden für Ihre Arbeit auch angefeindet. Wie gehen Sie damit um?

Gerade nach Öffentlichkeitsarbeit bekommen wir Anrufe von sogenannten Lebensschützern. Sie kritisieren und beschimpfen uns. Wir besprechen das im Team, natürlich prallt das nicht an uns ab. Aber wir wissen, dass Schwangerschaftsabbruch ein Thema ist, an dem sich die Geister scheiden. Es wird immer Menschen geben, die das ablehnen. Allerdings sprechen viele sogenannte Lebensschützer über eine Situation, in der sie nie gewesen sind.

Sind das vor allem Männer?

Nein, nicht nur. Es gibt da auch eine Art soziales Gefälle. Wem es gut geht, wer alles hat im Leben, einen festen Job, ein funktionierendes Sozialsystem, der kann sich offenbar manchmal nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die in völlig anderen Verhältnissen leben.

Wie meinen Sie das?

Es gibt Frauen, die leben in Armut, mit Süchten, in familiärer Unsicherheit, manche sind mutterseelenallein auf der Welt. Ich treffe Frauen, die sagen: "Ich kann kein Kind in die Welt setzen, dem es gut gehen wird." Diesen Frauen aus einer privilegierten Situation heraus ihre Entscheidung vorzuwerfen, da macht man es sich sehr einfach.

Gibt es Beratungen, die Ihnen besonders nahe gehen?

Es gibt schon Schicksale, die mir länger nachgehen. Vor allem, wenn ich mit dem Gefühl aus dem Gespräch gehe: Das Herz der Frau sagt ja, aber ihre Vernunft sagt nein.

Trotz allem machen Sie Ihren Beruf sehr gerne. Warum?

Weil unsere Beratung die Chance bietet, alltagsfern in sich hineinzuhören. So wie es einer wichtigen Entscheidung gebührt. Es hilft vielen Frauen, mit einer neutralen Person zu reden, jemandem, der eben nicht in eine Richtung drängelt. Wenn eine Beratung gelingt, haben beide daran Anteil, die Klientin und die Beraterin. Wenn sich mir eine wildfremde Frau öffnet, dann empfinde ich das als großes Geschenk. Manchmal erkennen Frauen in unserem Gespräch ihre Stärke oder die ihres Netzwerkes. Oder sie sehen, was sie im Leben ändern wollen - um am Ende vielleicht glücklicher zu werden. Egal, wie sie sich entscheiden.

Mehr zum Thema: Information über Abtreibung wird erleichtert


Die Aufgaben der Schwangeren- und Familienberatung

Die Awo setzt sich als sozialpolitischer Verband dafür ein, Bedingungen zu schaffen, die es Frauen und Männern erleichtern, sich für ein Leben mit Kind zu entscheiden. Schwangerschaftskonfliktberatung macht nur einen Teil der Pflichtaufgaben der Beratungsstelle aus. Die Mitarbeiterinnen informieren über finanzielle Hilfen der Bundesstiftung "Mutter und Kind", beraten zu Themen wie Mutterschutz, Elterngeld, Elternzeit, Unterhalt, Vaterschaftsanerkennung, ALG II, Kindergeld und Kinderzuschlag und helfen beim Ausfüllen von Anträgen. Es gibt Begleitung für Menschen in herausfordernden Lebenslagen, bei Fehl- oder Totgeburt, beim Wunsch nach vertraulicher Geburt oder unerfülltem Kinderwunsch. Auch Verhütung, Familienplanung und Sexualberatung bietet die Awo in Hohenstein-Ernstthal an. Die Mitarbeiterinnen unterstützen Schulen bei Aufklärung und Prävention. Die Hebamme Michaela Leusche ergänzt das Paket zum Thema Geburt durch Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung, Rückbildung und Babymassage. Die Schwangeren- und Familienberatung der Awo sitzt an der Lungwitzer Straße 39 in Hohenstein-Ernstthal, Telefon 03723 711086. (heha)

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