Herbst 89: Bilder einer wilden Zeit

Der "Freie Presse"-Fotograf Andreas Kretschel war vor 30 Jahren ein Chronist der Wende in Sachsen. Seine eindrucksvollen Aufnahmen sind jetzt erstmals öffentlich zu sehen.

Hohenstein-Ernstthal.

Am 5. November 1989 kam die Wende nach Hohenstein-Ernstthal. Zum ersten Mal versammelten sich Menschen zum Friedensgebet. Andreas Kretschel fotografierte in der St.-Christophori-Kirche und beim Schweigemarsch. In den Wochen zuvor war er in Leipzig. Seiner Freundin Margret im Westen schrieb er damals: "Das sind Eindrücke, die man nur ganz schwer beschreiben beziehungsweise wiedergeben kann."

Doch ein Bild sagt manchmal mehr als 1000 Worte - und solche Bilder lässt Andreas Kretschel jetzt sprechen. 30 Jahre nach dem Mauerfall veröffentlicht er in seiner Heimatstadt erstmals, was er in den Wendejahren 1989 und 1990 vor die Linse bekam - in Oberlungwitz und Karl-Marx-Stadt ebenso wie in Leipzig oder Berlin. In einer Zeit, als sich die Ereignisse überschlugen. Als sich ein Land mit beispielloser Geschwindigkeit veränderte.

Der 51-Jährige, der seit langem als Fotograf für die "Freie Presse" arbeitet, hatte schon als Kind seine Liebe zur Fotografie entdeckt. "Mein Onkel war Fotograf", erzählt er, "ich bin in der Dunkelkammer aufgewachsen." Als die Wende kam, machte sich der damalige Mitarbeiter einer LPG in Oberlungwitz immer wieder auf zu Brennpunkten des Geschehens. Anfangs, so erzählt er, seien seine Aufnahmen auch auf Skepsis gestoßen. "Da haben sie gedacht: Der ist bei der Stasi."

Unter den 65 großformatigen Schwarzweißfotografien, die jetzt im Textil- und Rennsportmuseum in Hohenstein-Ernstthal zu sehen sind, ist ein Foto vom 9. Oktober 1989 in Leipzig, als 70.000 Menschen - noch ohne Transparente - friedlich gegen die DDR-Staatsmacht demonstrierten. Es ist eine Aufnahme mit Seltenheitswert, aufgenommen mit seiner einfachen DDR-Kompaktkamera Beirette electronic. "Es war immer eine Überraschung, was beim Wässern, Entwickeln und Fixieren rauskam", erinnert sich Kretschel.

Später ging der junge Mann auf die großen Kundgebungen vor der Volkskammerwahl, stellte sich in Karl-Marx-Stadt neben Helmut Kohl und Theo Waigel - und neben Willy Brandt vor dem Karl-Marx-Denkmal. Eindrucksvoll sind auch Aufnahmen von der zerstörten Umwelt an einem "Säureharzteich" bei Mittelbach oder aus der Kaserne der sowjetischen Armee in Oberlungwitz, als die nach der Wende zum ersten Mal ihre Türen für Gäste öffnete: junge Männer in Uniformen mit schüchternen Gesichtern, Blechbecher mit abgeplatzter Emaille.

Vor allem aber hat Andreas Kretschel auch den Alltag der Menschen in der damaligen wilden Zeit in Sachsen eingefangen: Autohäuser auf der grünen Wiese, das erste Einkaufen mit der Westmark. Schließlich ein Trabant als fahrender Mini-Supermarkt, auf dem Dach eine aufblasbare Banane. Kretschel sagt, er habe schon damals geahnt, dass diese Bilder wohl einmal etwas Besonderes sein würden. Ihn selbst bewegt diese Zeit bis heute: "Da kriege ich immer noch Gänsehaut."

Margret aus Reutlingen, die einstige Briefpartnerin aus Kirchenkreisen, ist inzwischen seit über 25 Jahren Andreas Kretschels Ehefrau. "Es war Liebe auf den ersten Blick", sagt er. Den Briefwechsel von damals hat er in ein Buch binden lassen - zur Erinnerung. Und auf ihrem Grundstück hat die deutsch-deutsche Familie ein Segment der Berliner Mauer aufgestellt - gegen das Vergessen.

Die Ausstellung

"Wendezeit - Zeitwende" mit Fotografien von Andreas Kretschel ist bis zum 26. Januar 2020 im Textil- und Rennsportmuseum in Hohenstein-Ernstthal zu sehen. Geöffnet ist dienstags bis sonntags von 13 bis 17 Uhr.

www.trm-hot.de

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