Jetzt gibt's die Blaue vom Sachsenring

Er hat die Tomoffel selbst gezogen und eine neue Zitronensorte gezüchtet. Nun heißt es: Klappe, die Dritte. Der Supergärtner im Ruhestand präsentiert seine neue Kulturheidelbeere. Die taufte Manfred Reichenbach stilecht nach Nikolaschka-Art.

Hohenstein-Ernstthal.

Sie ist aromatisch, groß und muss nicht mehr gepflückt werden. "Einfach ein Bettlaken darunterlegen und den Strauch schütteln, dann fallen alle Beeren ab, die reif sind", sagt Manfred Reichenbach. Viele Jahre hat der Supergärtner vom Sachsenring an seiner neuen Heidelbeersorte gezüchtet. Jetzt ist sie perfekt.

Der umtriebige 85-Jährige, der einst als Chef der Gärtnerischen Produktionsgenossenschaft Stollberg seine Brötchen verdiente, kann das Experimentieren einfach nicht lassen. Er hat in seinen Gewächshäusern zu Hause am alten Sachsenring die Tomoffel selbst veredelt, in 30 Jahren eine neue Zitronensorte gezüchtet und lässt mit der Heidelbeere "Die Blaue vom Sachsenring" die nächste Katze aus dem Sack.

Angefangen hat alles vor 51 Jahren auf der Iga in Erfurt. "An dem Stand gab es nur noch eine Pflanze, ein hässlicher Sterzel mit nur zwei Trieben. Die wollten mir den gar nicht verkaufen. Ich habe mir das Maul fusselig geredet und den Ableger für 5 Mark Ost gekriegt", erinnert er sich mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht. Wie Heidelbeeren anzubauen sind, wusste Reichenbach damals schon: "Du brauchst im Boden einen pH-Wert von über 5 und viel Wasser." Nach zwei Jahren lieferte der Strauch die ersten Früchte. Die waren aromatisch, aber klein und hingen sehr fest. Reichenbach legte sich eine zweite Sorte zu - Goldtraube. Die war groß, hatte wenig Aroma und fiel leicht vom Strauch, wenn sie reif war. "Das war perfekt. Ich habe die beiden dann viele Jahre immer wieder eingekreuzt und so die guten Eigenschaften für die neue Sorte herausgezüchtet." Die Neue wird bis zu 14 Millimeter im Durchmesser, ist aromatisch und löst sich leicht vom Strauch. Eine stattliche Anzahl von Stecklingen gibt es davon schon.

Rückschläge gab es auf dem Weg dorthin auch. Nicht bei der Zucht. 2014 büßte er ein Stück seiner Plantage ein. "Ich saß am Frühstückstisch. Plötzlich krachte es draußen. Ich dachte, mein Schwein pfeift, als ich meine Heidelbeersträucher sah." Ein Lamborghini Gallardo war auf dem alten Sachsenring aus der leichten Rechtskurve geflogen, über die Wiese geschlittert und hatte dann mit dem Heck den Gartenzaun durchbrochen und 20 der bis zu 2,50 Meter hohen Heidelbeersträucher überm Erdboden wegrasiert. "Dem Fahrer war nichts passiert, aber meine Heidelbeersträucher waren hinüber", sagt Reichenbach, der die kahle Stelle längst mit neuen Sträuchern aus der eigenen Anzucht ergänzt hat. Weil der Profigärtner als Witzbold bekannt ist, durften sich die knapp 30 Gäste seiner Feier zum 85. Geburtstag einer besonderen Pflanzentaufe erfreuen. "Nach Nikolaschka-Art", wie Reichenbach erklärte. Das war zu DDR-Zeigen ein Modegetränk, bestehend aus einem Cognac mit Zitronenscheibe sowie Kaffeepulver und etwas Zucker obendrauf. Der Gärtner träufelte Zitronensaft auf die Cutikula (die Schutzschicht der oberen Epidermis der Blätter), darauf kamen Puderzucker und Kaffeekrümel. Das Ganze besprühte er mit klarem Schnaps. "Es wäre interessant zu wissen, ob die Pflanze davon besoffen wird", scherzte er dabei.

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