Junger Baumeister ziert betagte Fassade

Ramponierte Fassaden an alten Bruchbuden gibt es in der Karl-May-Stadt jede Menge. Da fallen Farbtupfer wohltuend auf. Ein Bauunternehmen plante einen Abriss, doch daraus wurde ein Hingucker. Den Knirps, den der Meeraner Künstler Tasso dort verewigt hat, gibt es wirklich.

Hohenstein-Ernstthal.

Bennek Wenzel reckt vier Finger in die Höhe zum Zeichen, wie alt er ist. Nur einen kurzen Moment nimmt er sich dafür Zeit, er ist viel zu beschäftigt. Denn sobald der Knirps einen Spielzeugbagger in die Hände bekommt, kann ihn nicht einmal mehr sein Lieblingsessen - Nudeln oder Eierkuchen - vom Spielen abhalten. Den gelben Bauhelm behält er auf, wie sein Vorbild Bob der Baumeister. Genauso, in bautypischer Arbeitshose, hat er auch für Papa Andreas Wenzel, dem Chef einer Designagentur, Modell gestanden - für den professionellen Entwurf der Fassadengestaltung für das Bauunternehmen HIB in der August-Bebel-Straße in Hohenstein-Ernstthal.

"Eigentlich wollten wir nur einen einsturzgefährdeten Gebäudeteil abreißen", sagt Geschäftsführer Maik Hirrich. Was danach übrig blieb, war die große Giebelwand des verbliebenen Gebäudeteils samt Fenster. "Das wollten wir erst zumauern", erzählt Prokurist Jens Geringswald. Doch an dem Punkt kam Architektin Cornelia Bähr aus Lichtenstein ins Spiel. "Graue Wände und hässliche Fassaden gibt's genug. Redet doch mal mit Tasso. Das Fenster kann man doch in eine schöne Fassadengestaltung mit einbauen", schlug sie vor. Einmal mit der Idee infiziert, machten sich die Bauunternehmer Gedanken. Der Meeraner Künstler Jens "Tasso" Müller fand den Auftrag spannend. Er hatte die richtige Idee parat: "Kinder machen sich in der Werbung immer gut." Obwohl es kein reines Werbebild werden sollte, sondern nur ein Hingucker. Die Assoziationen waren da: Bagger, Bauunternehmen, Bob der Baumeister, Helm, Lego - das passt. Bei allen Beteiligten blühte die Fantasie. Das Kind war schnell gefunden. Andreas Wenzel sollte ohnehin das Motiv entwerfen. Der 38-Jährige fotografierte seinen vierjährigen Sohn Bennek im Studio, mit Helm, Bagger und Lego. Der Knirps ist Baumaschinenfreak. "Wenn der einen Bagger, Radlader oder Kipper sieht, ist er hin und weg. Wir haben zurzeit direkt vor der Haustür in Meerane eine Baustelle. Dort kann er stundenlang stehen und zugucken."

Den Original-Bagger fürs Motiv fand Wenzel im Hof des Bauunternehmens. "Das macht die Geschichte sogar noch ein bisschen authentischer", sagt der Agenturchef, der beide Fotos am PC kombinierte, mit Schatten und der Farbkomposition versah. Den Entwurf setzte Tasso im Herbst um. Sogar das Fenster in der Fassade ist quasi in 3D eingebaut und hängt rein optisch an der Baggerschaufel. Maik Hirrich ist vom Ergebnis des Projekts begeistert: "Das ist super geworden. Viele fahren ganz langsam vorbei, um einen Blick drauf zu werfen. Andere fahren extra an die Seite, steigen aus und zücken das Handy, um Fotos zu machen." Dass der Knirps nun für viele Jahre an der Fassade verewigt ist, freut besonders Benneks Mama Christin. "Sie ist stolz wie Bolle", sagt Ehemann Andreas. Sie hat allerdings das fertige Graffito noch nicht einmal im Original gesehen, sondern bisher nur die Entwürfe im Kleinformat. "Da steht ein Wochenendausflug an", sagt Wenzel.

Maik Hirrich und Jens Geringswald hoffen nun, dass ihr Beispiel nicht nur in der Karl-May-Stadt Schule macht. Für Tasso sind solche Aufträge nicht nur ein Job: "So etwas macht unser Leben einfach bunter." Und was Bennek später einmal werden will, da muss er nicht lange überlegen: "Baggerfahrer."

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