Kein Rathaus: Sprechstunde mit Orts-Chef über den Gartenzaun

Wahlen 2019 Im kommenden Monat werden auch in unserer Region neue Volksvertretungen gewählt. Das heißt auch für manchen bisherigen Mandatsträger: Abschied nehmen. Stellvertretend für viele steht Wolfgang Schleife aus Lobsdorf.

Lobsdorf.

Hier sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Das ist nicht böse gemeint, aber in dem kleinen Ort ist es derart ruhig, dass man ihm glatt den Titel Kurort verleihen könnte. Wir sind in Lobsdorf, einem Ortsteil von St. Egidien. Wolfgang Schleife (55, Liste CDU) ist hier seit 15 Jahren ehrenamtlicher Ortsvorsteher. Wenn am 26. Mai ein neuer Ortschaftsrat gewählt wird, ist er nicht mehr mit von der Partie. Schleife tritt aus beruflichen Gründen nicht noch einmal an.

Seit drei Jahren arbeitet der Kommunalpolitiker bei einem großen Reifenhändler in Schifferstadt (Rheinland-Pfalz). Montagfrüh fährt er hin, Freitagabend kommt er zurück. "Da macht es keinen Sinn, an seinem Posten zu kleben", sagt er.

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Schleife kennt Lobsdorf aus dem Effeff. Er ist hier großgeworden, kennt noch die Zeit, als es in dem Ort einen Konsum gab, ein Sommerbad, einen Kindergarten und ein Rathaus. Schleife lebt mit seiner Familie in einem schmucken Häuschen, das aus dem Jahre 1847 stammt. "Das Haus hat mein Ur-Ur-Urgroßvater gebaut, Johann Gottlieb Schleife." Wolfgang Schleifes Vorfahren waren Handwerker, zum Beispiel Schuster. Nach dem Krieg hatte Lobsdorf einmal rund 500 Einwohner. Heute sind es noch 365, mal etwas mehr, mal etwas weniger. "Aber es ziehen immer wieder Leute in unseren Ort und bauen", so Schleife.

Als Kommunalpolitiker hat Schleife auch Tiefen mitgemacht. Getroffen im Ort hat alle, als Lobsdorf 1995 seine Eigenständigkeit verloren hat. "Uns war klar, dass die Eingemeindung nach St. Egidien das Vernünftigste war. Aber es hat trotzdem geschmerzt", erinnert sich der Noch-Ortsvorsteher. Lobsdorf ist heute so klein, dass es keinen einzigen Lebensmittelhändler mehr im Ort gibt. Regelmäßig kommen dafür mobile Bäcker, Lebensmittel- und Getränkehändler in den Ort. Das gesellschaftliche Leben hier spielt sich im Lobsdorfer Sportverein ab. Der hat immerhin 150 Mitglieder. Wenn man so will: Fast die Hälfte des Ortes ist Mitglied in einem Sportverein. Das muss man anderswo erst einmal schaffen.

Sprechstunden als Ortsvorsteher hat Wolfgang Schleife ganz am Anfang einmal abgehalten. Er erinnert sich: "Aber es war so, wenn jemand etwas wollte oder eine Frage hatte, das wurde dann kurzerhand über dem Gartenzaun besprochen." Das Rathaus hatte ja auch dichtgemacht. Schleife geht davon aus, dass es einen würdigen Nachfolger gibt. Auch junge Leute engagieren sich, so kandidieren mit Oliver Schulz (30) und Phillip Tröger (30) zwei Jüngere, dazu kommen mit Andreas Werner und Michael Oehler zwei Erfahrene. Der neue Ortschaftsrat bestimmt dann den neuen Ortsvorsteher.

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