Keine Heimat. Nirgends

Wenn es um Heimat geht, wird es schnell emotional. Dabei gibt es längst keine Einigkeit darüber, was das eigentlich ist. Ein Diskussionsabend in Hohenstein-Ernstthal hat sich von der anderen Seite genähert und gefragt: Was ist typisch deutsch?

Hohenstein-Ernstthal.

Als er es zum ersten Mal verließ, machte Heinrich von Kleist die Erfahrung, "wie sich sein Vaterland immer besser ausnahm, je weiter er sich von ihm entfernte; wie allmählich der Druck einer selbstauferlegten, doch uneinlösbaren Verpflichtung gegen dieses Land von ihm wich; wie ihn das erleichtert habe, dass er auch wieder schlafen konnte und zu neuem Lebensmute kam." Diese Erinnerungen legte Christa Wolf dem jungen Dichter in den Kopf, in ihrem Roman "Kein Ort. Nirgends." Um 1790 floh Kleist aus Preußen, seinem Vaterland. Und die Fragen bleiben bis heute: Ist Vaterland Heimat, ist Heimat überhaupt ein Ort? Ein Gefühl? Kann sie verloren gehen, ist sie bedroht? Von abgewanderten Industrien, vom Wolf - oder Flüchtlingen?

Wenn es um Heimat geht, wird es rasch emotional. Dabei gibt es längst keine Einigkeit darüber, was das eigentlich ist: Heimat. Undvielleicht gerade deshalb sind die Ängste so diffus, die um ihren befürchteten Verlust kreisen. Wissenschaftler der Uni Leipzig nähern sich diesen Ängsten und der Heimat quasi von der anderen Seite. "Was ist typisch deutsch", fragen sie in ihrem vom Bund geförderten Projekt "Fremde im eigenen Land?". Am Dienstag waren die Leipziger zu Gast im Schützenhaus in Hohenstein-Ernstthal. Vortrag und Diskussion waren Auftakt der Reihe "Kontrovers vor Ort", die die Landeszentrale für politische Bildung zusammen mit den Volkshochschulen organisiert. Fühlen Sie sich deutsch? Die Frage geht ans Publikum. "Ich fühle mich als Mensch", sagt ein Mann.

Darüber, und was das eigentlich ist, das Deutschsein, haben die Politikwissenschaftler mit vielen Menschen gesprochen, Ausschnitte der Interviews sind zu einem Video zusammengefasst. "Ich war irgendwie Kind", sagt ein Mann. "Weder Sachse noch Lausitzer." Diese Identitäten und dazu die deutsche, stülpten sich später auf sein Kindsein. Deutsch sei das Grundgesetz als Werteordnung, sagt ein anderer. Klischees wie Pünktlichkeit fallen, die deutsche Sprache. Und die Kultur. Doch auch die ist nur schwer greifbar. Über das Grundgesetz hinaus wird's schwierig, sagt ein junger Mann. "Die Deutschen sind doch nicht homogen." Gläubige gebe es und Konfessionslose, Vegetarier und Fleischesser, Städter und Provinzler.

Woran also soll sich ein Ausländer, ein Migrant, ein Flüchtling - woran soll er sich anpassen, oder gar assimilieren?

Die Fragen schweben im Raum, offen. Diskussionsabende wie dieser in Hohenstein-Ernstthal sind der Versuch, einer Antwort näher zu kommen. Mit "Kontrovers vor Ort" wollen die Veranstalter vor allem Menschen auf dem Land erreichen. Dort, wo man im Dorf kein Geld mehr bekommt, weil der letzte Geldautomat geschlossen hat. Wo der Bus einmal in der Stunde kommt, der Fleischer nur einmal in der Woche, mit einem Verkaufsmobil. Wo reale Sorgen und diffuse Ängste eine giftige Mischung bilden, ein Gefühl von Machtlosigkeit in Wut umschlägt, und Hass. Und so driftet die Diskussion schnell zu eben diesen realen Sorgen. Rentner Werner Möller erzählt von seinen Enkeln, die mit dem Bus zur Schule fahren müssen, Schulfreunde haben, die weit verstreut wohnen, sie nicht mal eben vor der Haustür treffen können. Davon, dass der Föderalismus in der Bildung zu so gravierenden Unterschieden zwischen Schulen führt, dass ein Umzug zum Problem wird. Von Firmen, die noch immer so tun, als müssten Arbeitnehmer dankbar sein für Arbeit und keine Ansprüche stellen dürften. Davon, dass dem Daetz-Centrum in Lichtenstein das Aus droht, weil es sich finanziell nicht trägt, die Stadt Lichtenstein aber auch kein Geld hat ... "Und das war doch als Projekt zur Völkerverständigung gedacht", sagt Möller. Engagement im Verein, Interesse für Kulturangebote wie diesen Diskussionsabend - das vermisst nicht nur Möller, sondern auch Patrick Schulze, Leiter der Zwickauer Volkshochschule, beim Blick in den spärlich gefüllten Raum.

Ohne diese Dinge ist Heimat eben nur - ein Ort. Dichter Kleist in Wolfs Roman war fest entschlossen, sich eine neue Heimat zu suchen. Er hat keine gefunden. Vielleicht, weil er nach einem Ort gesucht hat.

Kontrovers vor Ort Die nächste Veranstaltung der Reihe findet am 20. März in Werdau statt. Titel: "Wir verstehen die Welt nicht mehr - Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden." Der Eintritt ist frei, Beginn 19 Uhr im Martin-Luther-King-Zentrum. Das vollständige Programm finden Sie unter www.freiepresse.de/kontrovers

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