Kinder lernen: Der schönste Platz im Bus ist oft der gefährlichste

Etwa 1250 Schüler nehmen in diesen Wochen an einer besonderen Schulstunde teil: Sie erlernen das richtige Verhalten im Bus.

Lugau.

Undine sitzt ganz hinten im Bus, in der Mitte - genau dort, wo der Gang endet. Als die Busfahrerin bremst, ist Undine die einzige, die nach vorn fällt und mit dem Gesicht nach unten im Gang liegenbleibt. Die Kinder im Bus recken die Hälse nach Undine - die zum Glück eine Puppe ist, in etwa so groß und so schwer wie ein Grundschüler. Vor wenigen Minuten hatte Busfahrer Martin Kreyer die Kinder gefragt, wo der schönste Platz im Bus ist. Viele von ihnen hatten "hinten" gerufen und auf diesen Mittelplatz gezeigt. Und er hatte behauptet, das sei auch der gefährlichste Platz. Nun sehen sie, dass der Busfahrer recht hatte - denn Undine konnte sich nirgends festhalten.

Martin Kreyer ist schon ein alter Hase, was die Busschule betrifft. Für den 26-jährigen Busfahrer ist es das dritte Jahr, in dem er mit seinem "rollenden Klassenzimmer" anrückt und den Kindern anschaulich und praxisnah vermittelt, worauf man an der Haltestelle und im Bus alles achten muss. An diesem Dienstagvormittag findet das Ganze auf dem Lugauer Gelände des Busunternehmens RVE statt. Die Schüler kommen aus den Klassen 3 bis 5 des Förderschulzentrums (FSZ) Oelsnitz, auch Mädchen und Jungen der Oberstufe des Geistigbehinderten-Bereiches nehmen teil.

Neben Kreyer sind noch weitere Kollegen in die Busschule eingebunden. Mandy Hohenhausen ist neu dabei und hat bei den ersten Klassen zunächst bei Martin Kreyer hospitiert, ihm später assistiert. Man habe sie angesprochen, ob sie mitmachen möchte, erzählt sie. Erfahrung hat sie ausreichend, sitzt schon mehr als 17Jahre hinterm Bus-Lenkrad, bis vor vier Jahren im Reiseverkehr. Da sei sie auch viel mit Kindern unterwegs gewesen, und das habe ihr Spaß gemacht, sagt sie. Durch die vier Jahre, die sie jetzt im Linienverkehr unterwegs ist, kenne sie auch die Probleme, die mit den Schulkindern besprochen werden müssen.

Kurz darauf sitzt Mandy Hohenhausen hinterm Lenkrad und fährt mit dem Bus in die improvisierte Haltestelle ein - und ein Verkehrshütchen um, das ganz vorn an der Bordsteinkante steht. Ein vielstimmiges "Ooh" erklingt - und Martin Kreyer erklärt, dass es genau deshalb so gefährlich ist, direkt an der Straßenkante auf den Bus zu warten.

Zwei Unfälle an einem Vormittag, aber zum Glück hat sich keiner wehgetan. Puppe Undine und das Verkehrshütchen können heute wieder zum Einsatz kommen. Aber für die Schüler ist es anschaulicher Unterricht, den sie da erleben. Und es zeigt sich, dass sie das Gelernte auch anwenden können: Keine von Martin Kreyers Fragen bleibt unbeantwortet, als der am Ende noch mal die wesentlichen Fakten abfragt.

Insgesamt werden bis Mitte September rund 1275 Mädchen und Jungen aus dem gesamten Altkreis Stollberg diese Art Verkehrsunterricht absolvieren, erklärt Gerd Lorenz, der Vereinschef des Verkehrszentrums Stollberger Land. Seit 2012 nahmen bereits mehr als 6520Schüler an der Busschule teil. Die Finanzierung übernehmen Unfallkasse und Verkehrsverbund Mittelsachen.

Außer beim FSZ handelt es sich bei den Teilnehmern immer um Erst- und Viertklässler. Warum gerade diese Klassenstufen? Gerd Lorenz: "Mit der Einschulung bewegen sich die Knirpse oft zu Fuß oder auch mit dem Bus zur Schule." Um das richtige und sichere Verhalten im Bus zu erlernen, müsse man dies den Kindern zeigen und mit ihnen üben - gerade auch dann, wenn die Situation für sie neu ist. "Der Gedanke, die Busschule in der 4.Klasse nochmals durchzuführen, liegt darin, dass die Schüler mit dem Wechsel zur Oberschule oder zum Gymnasium andere Schulwege benutzen müssen."

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