Kleiner Bruder des Telespargels feiert 20.

Am 3. Oktober 1969 wurde der Berliner Fernsehturm eingeweiht. 30 Jahre später bauten vier Modellbauer den Turm für die Miniwelt nach. Dieses Jahr haben beide runden Geburtstag.

Lichtenstein.

Mal ungeniert und ungestraft in den Westen gucken. Seit dem 3. Oktober 1969 war das auch dem gelernten DDR-Bürger möglich, zumindest in Berlin. An dem Tag wurde der Berliner Fernsehturm eingeweiht. Von der Aussichtsplattform in 203 Meter Höhe und aus dem Café (207 Meter) konnten die Besucher auf den Klassenfeind blicken. 30 Jahre später bauten vier Modellbauer den Fernsehturm im Maßstab 1:25 nach - für die Lichtensteiner Miniwelt. Der kleine Bruder des Berliners feiert in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag.

Ihr Original nannten die DDR-Hauptstädter damals liebevoll Telespargel. Das gefiel sogar der Partei- und Staatsführung unter dem damaligen Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der den Standort neben dem Alexanderplatz persönlich angeordnet hatte. Der ursprünglich geplante Bauplatz am Rande Berlins erwies sich als ungeeignet, weil er in der Einflugschneise des Flughafens Berlin-Schönefeld lag. Der Turm, ein Prestigeobjekt, sollte ein Beleg für die Wirtschaftskraft der DDR und die Überlegenheit der Planwirtschaft sein. Mit exakt 368,03 Metern Höhe ist er noch heute das höchste Bauwerk Deutschlands. 8000 Tonnen Beton wurden dort verarbeitet. Nach 53 Monaten Bauzeit war er fertig und wurde vier Tage vor dem 20.Republikgeburtstag eingeweiht. Die Mitglieder des gastronomischen Jugendkollektivs, die den Gast damals in luftiger Höhe verwöhnten, verzehren heute längst ihre Rente. Mehr als 60 Millionen Besucher zählte der Turm bisher.

Ganz so viele haben das Miniwelt-Modell im Maßstab 1:25 natürlich noch nicht gesehen. Das ist 14,60 Meter hoch, seine Kugel misst 1,28 Meter im Durchmesser. Das Original kann mit 32 Metern aufwarten und dreht sich einmal pro Stunde um die eigene Achse.

Modellbauerin Helga Müller ist eine Frau der ersten Stunde in der Miniwelt. "An Reiner Förster und Projektchef Volker Tittelbach kann ich mich erinnern", sagt sie. "Vier Leute haben vier Monate lang und bis auf die letzte Minute im Speisesaal der Nickelhütte daran gearbeitet. Am 14. Juli wurde der Turm noch in den Abendstunden bei Scheinwerferlicht montiert, tags darauf war Eröffnung", weiß auch Marketingchefin Claudia Schmidt, die damals selbst noch Modellbauerin war. Sie kann erklären, warum die Antenne des Modells nicht mehr ganz gerade ist: "Als wir den Turm 2010 zum Restaurieren mit dem Kran umgelegt haben, gab es einen kleinen Ruck. Das haben wir nicht wieder perfekt hinbekommen." Die Besucher stört es nicht.

Längst bröckelt der Putz wieder ein bisschen. Vögel haben die kleinen Bullaugen, die auch das Original besitzt, herausgepickt. "Da nisten Stare drin, und ein Hornissennest beherbergt der Turm auch", klagt Parkleiterin Anke Krasselt. Doch das höchste Bauwerk der Miniwelt trotzt seit 20 Jahren Wind und Wetter und sieht auf Besucherfotos dank genialer Modellbau-kunst noch immer täuschend echt aus.

2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

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    Pixelghost
    03.10.2019

    PS:
    Den Namen „Telespargel“ kenne ich zwar schon aus den DDR-Zeitungen, aber ich kenne niemanden, der den Fernsehturm im Berliner Sprachgebrauch so nennt.

    Und ich bin Berliner.

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    1
    Pixelghost
    03.10.2019

    Ungestraft in den Westen gucken konnte man schon vorher - bei Benutzung des S-Bahn im Bereich Schönefeld-Altglienicke-Adlershof.
    Dann konnte man die Sozialbauten des Stadtbezirks Buckow-Rudow bewundern.

    Sachsen benutzten im Urlaub ja eher die Straße „Adlergestell“, um die Stadt zu okkupieren.
    Von da aus sah man aber nix vom Westen, nur links die S-Bahn-Trasse.
    Außerdem war man da schon von dem - bei guten Wetter - am Horizont erkennbaren Fernsehturm abgelenkt.
    Denn da wollte man hin.



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