Krieg im Kopf

Die Bundesrepublik schickt Soldaten in den Auslandseinsatz. Nicht alle kehren wohlbehalten zurück. Einsatzveteranen sagen, die Gesellschaft kümmere sich zu wenig um sie, die für das Land den Kopf hinhalten.

Lichtenstein.

Am Ende hatte Tino Rabe, Anfang 30, die Kontrolle über sein Leben verloren. "Er war ein Häufchen Elend", sagt Franziska Hallbauer. "Das tat mir so leid." Arbeitsunfähig, alkoholabhängig, in einer Suchtklinik als letztem Refugium. Ohne Einkommen, ohne Krankenversicherung, bedroht von Obdachlosigkeit.

Franziska Hallbauer übernimmt diesen Fall als Vereinsbetreuerin des Zwickauer Betreuungsvereins und leitet erste Hilfen ein: Krankenkasse und Behörden kontaktieren, Grundsicherung beantragen, Wohnung suchen.


Jetzt sitzt Tino Rabe in seiner kleinen Stube in Lichtenstein. Dachgeschoss, penibel aufgeräumt, darauf legt er Wert. Er wirkt angespannt, weil es gleich um seine Geschichte, seine Höllenfahrt gehen soll. Es fällt ihm schwer. "Ich kann nicht mehr arbeiten, habe Konzentrationsprobleme, einen Grad der Behinderung von sechzig Prozent. Ich war lange bei einer Therapeutin, die nichts mit mir anfangen konnte. Die Sorgen habe ich im Alkohol ertränkt."

Franziska Hallbauer, die Betreuerin, sagt: "Als ich Tino zum ersten Mal traf, wusste ich, was los war."

Die energische Frau, die Tino Rabe hilft, seine Probleme zu verstehen und sein Leben zu ordnen, war acht Jahre bei der Bundeswehr. Marinesoldatin in Eckernförde. Bei der Truppe hat sie ihren heutigen Mann kennengelernt, mit dem sie in Westsachsen lebt. David Hallbauer diente im Kosovo und erlitt eine posttraumatische Belastungsstörung, PTBS. Eine heimtückische psychische Krankheit, erst in jüngerer Vergangenheit überhaupt anerkannt. Früher hatten erkrankte Heimkehrer "Kriegszitterer" geheißen.

"Der Auslöser kann ein einzelnes Ereignis sein oder eine Fülle von Ereignissen", erklärt David Hallbauer. "Manchmal bricht die Krankheit schnell aus, manchmal erst nach 30 Jahren. Die Symptome sind vielfältig, eine breite Palette. Und sie hat Folgen, für den Körper, für die Familie, für die Beziehungsfähigkeit."

Nicht zuletzt durch das Beispiel ihres Mannes weiß Franziska Hallbauer, wie sich Tino Rabe fühlt.

Eigentlich hatte er Metallveredler gelernt. Als ein Abschluss missglückt, geht er zum Bund, statt ein halbes Jahr Lehre anzuhängen. Musterung mit "T1", höchster Tauglichkeitsgrad, keine Vorerkrankung. Er landet beim Transportbataillon 465 in Ellwangen/Jagst, Schwerlastkompanie. Die Reinhardt-Kaserne ist nach einem württembergischen General benannt. Heute, nach der Auflösung der letzten dort stationierten Bundeswehr-Einheit, dient der Komplex als Landeserstaufnahmestelle für Migranten.

An diesem Ort absolviert der junge Rekrut vor knapp 15 Jahren seine Grundausbildung, erhält den Führerschein, geht in die Einsatzausbildung. "Ich war gut angesehen", sagt Rabe, der sich solche Sätze abringt und ihnen selten eine längere Erklärung folgen lässt. "Im Kosovo war damals eine Einheit aus Füssen, die mit unserer verbunden war, und die verloren durch Verletzung einen Mann. Da fragte man mich eben, ob ich gehen würde."

Er war 21 Jahre alt, sagt Tino Rabe. Er sei nur eingesprungen.

Die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr werden auf Auslandseinsätze "in einem aufeinander aufbauenden System von Ausbildungen" vorbereitet, erläutert ein Sprecher des Verteidigungsministeriums der "Freien Presse". Dazu gehörten auch die Stärkung der körperlichen Leistungsfähigkeit sowie "Trainings für den Umgang mit Stress, Verwundung oder Tod".

David Hallbauer, der einige Jahre vor Rabe auf dem Balkan war, erklärt: "Die Einsatzvorausbildung bei der Bundeswehr ist sehr gut, auch im Vergleich zu anderen Armeen, und verbessert sich immer weiter. Nur ist die Realität des Einsatzes am Ende nicht vermittelbar. Man fühlt sich vorbereitet, aber das Training ist nicht wie die Realität."

Es sei wie bei einer heißen Herdplatte: Das Brennen, wenn man sie anfasst, könne man nicht simulieren. Theorie und Praxis, Übung und Ernstfall. Hallbauer nennt es das "Herdplattenphänomen".

März 2005, Kfor-Einsatzgruppe, Prizren Airfield. Die Lage im Kosovo gilt als "stabil, aber nicht sicher". Albaner, Serben, nationalistische Räusche, der Streit ums Amselfeld. Der Obergefreite Tino Rabe steuert schwere Lkws durchs Krisengebiet. Mal werden Fahrzeuge geborgen, mal Straßen und Fabriken beräumt. Sie holen verletzte Kameraden. Sie bergen Tote aus Massengräbern.

Tino Rabe in einem Schriftsatz an das Chemnitzer Sozialgericht:

"Schon auf dem Weg vom Flughafen Pristina nach Prizren musste ich feststellen, wie zerstört das Land durch den Krieg ist. Ich sah die Bevölkerung leiden. Zerschossene Häuser, zerbombte Brücken und Fabriken, zerstörte Straßen und überall aus dem Asphalt geschnittene Vierecke, in denen Minen versteckt waren."

Der junge Mann hat Angst. In vielen Lagebesprechungen am Morgen hört er Berichte von Auseinandersetzungen mit Waffengewalt. Wenn er das Lager verlässt, ist er mit teilgeladener Waffe und 60 Schuss scharfer Munition unterwegs. Dauernd unter Hochspannung. Verwahrloste Kinder klettern am Lkw hoch und betteln um Wasser und Brot. Es sei verboten gewesen, ihnen etwas zu geben, sagt Rabe.

Manchmal fährt er nach Griechenland, zum Hafen von Thessaloniki, wo Kriegsgüter der Kfor-Truppen umgeschlagen werden.

"Auf dem Rückweg wurde ich einmal von einem einheimischen Pkw von der Straße gedrängt, der anschließend flüchtete. Ich kam mit dem 40-Tonner auf einem Feld zum Stehen. Die Minenlage war unklar. Ich war wie erstarrt, konnte nicht aussteigen. Ich fürchtete, ich würde hochgehen. Ich hatte Todesangst."

Ein Bergungstrupp kommt zu Hilfe und holt ihn dort heraus. Da er körperlich nicht verletzt ist, spricht man nicht lange darüber. Aber noch Jahre später in Deutschland hat Tino Rabe Angst, eine Wiese oder auch ein Fußballfeld zu betreten.

Rabe bleibt ein halbes Jahr im Kosovo. Aus seiner Sicht und der Sicht seiner Familie ist das inzwischen eine Ewigkeit her: 13 Jahre. Nachdem er den Dienst quittiert hat, kehrt er nach Lichtenstein zu Freundin und Familie zurück. Er schließt eine zweite Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker ab und arbeitet eine Zeit lang erfolgreich in diesem Beruf.

Mit den Jahren stellt sich heraus, dass etwas nicht stimmt. Der junge Mann ist reizbarer, unausgeglichener geworden. Seine Mutter Heike Rabe erzählt, wie ihr Sohn, "ein guter und guterzogener Junge", nach und nach die Fähigkeit verliert, "sein Leben auf die Reihe zu bekommen". Es habe Situationen gegeben, "die dann nicht mehr zu steuern sind. Traumatisierte Menschen, die sich in eine Ecke gedrängt fühlen, gehen nach vorn und wehren sich, mit unbeherrschbaren Kräften. Das ist die Folge einer solchen Erkrankung ohne ausreichende Therapie."

Tino Rabe sagt: "Ich war gar nicht schlecht, habe ich gedacht." David Hallbauer: "Das ist nicht ungewöhnlich. Die Krankheit entwickelt sich schleichend, man selbst bekommt das gar nicht mit."

In dem preisgekrönten englischen Fernsehfilm "Warriors" von Peter Kosminsky, der das Schicksal einer Gruppe Soldaten im ersten Jugoslawien-Krieg beschreibt, findet kaum einer der Rückkehrer seinen Frieden. Einer verzieht sich aufs Land, in die Isolation. Ein zweiter bekommt seine Aggressionen nicht in den Griff und beschimpft im Supermarkt ein Kind, das nörgelt, weil es kein Spielzeug kriegt. Der Anführer der Gruppe, der Seelenstärkste, ein Berufsoffizier, hält sich die eigene Waffe an den Kopf. Als ein Kamerad ihn zurückhält, fängt er an zu schluchzen, zum ersten Mal, und man spürt, dass er seine Tränen nie wieder würde stoppen können.

Tino Rabe fährt nachts im Schlaf hoch, fühlt sich desorientiert, tastet nach der nicht vorhandenen Waffe. Er hat Albträume von schweren Unfällen, an denen er sich die Schuld gibt. Seine Beziehung geht in die Brüche, zum Arbeiten fehlt ihm die Kraft. Dreimal kommt er in ein Krankenhaus der Bundeswehr, entwickelt eine Psychose, bricht bei einer Ehemaligen-Ausfahrt an die Mosel zusammen.

In Momenten der Desorientierung geht er schreiend auf Freunde und auf Eltern los. In einem hellhörigen Haus wird er wegen nächtlichen Lärmens von einer Nachbarin angezeigt. Er leidet an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung, die sich chronifiziert. Durch steigenden Alkoholkonsum versucht er, das Elend zu vergessen.

"Musterung mit T1 (voll verwendungsfähig): keine Gesundheitsstörungen, keine Verwendungsausschlüsse im Verwendungsausweis (Gesunder und durchschnittlich trainierter Jugendlicher), keine Fehlsichtigkeit, keine feste vornliegende Zahnspange."

Seit 1993 schickt die Bundesrepublik Deutschland Soldaten der Bundeswehr in den Auslandseinsatz. Ex-Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Syrien, Somalia, Sudan, Mali, Westsahara. Die Summe der eingesetzten Soldaten beläuft sich bis heute auf 418.000, so ein Sprecher des Bundesministeriums der Verteidigung. Darunter sind Männer und Frauen, die mehrfach im Auslandseinsatz waren. "Aus den vorliegenden Daten ergibt sich, dass seit 1995 bei Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr 1233 psychische Erkrankungen aufgrund einer Wehrdienstbeschädigung anerkannt worden sind. Dazu gehören auch posttraumatische Belastungsstörungen, jedoch werden psychische Erkrankungen statistisch nicht differenziert erfasst."

Die tatsächliche Zahl anerkannter psychischer Erkrankungen liege höher, so der Sprecher. Bis 2014 habe die Bundeswehr nur die Wehrdienstbeschädigungsverfahren für Aktive bearbeitet. Für Ehemalige seien die Versorgungsverwaltungen der Länder zuständig gewesen.

Tino Rabes posttraumatische Belastungsstörung ist in einem Bundeswehr-Krankenhaus diagnostiziert worden. Als Wehrdienstbeschädigung anerkannt ist sie nicht. "Unser Widerspruch gegen den Ablehnungsbescheid wurde abgewiesen, wir haben deshalb vor dem Chemnitzer Sozialgericht geklagt", sagt Franziska Hallbauer, die Betreuerin. Das Verfahren ist anhängig.

Wenn man wie Rabe viele Jahre aus der Bundeswehr heraus ist und die Krankheit schleichend kommt, wird es schwer, sich Recht zu verschaffen, sagt David Hallbauer. Ohne sichtbare Schäden, ohne ein klares Schlüsselerlebnis als Auslöser des Traumas fällt die Beweisführung schwer. "Solange man Soldat ist, hat man Anspruch auf Behandlung", erklärt Hallbauer. "Nach Ende der Dienstzeit gibt es kein Arbeitslosengeld. Ein kranker Soldat rutscht nach Lohnfortzahlung und Krankengeld direkt in die Grundsicherung. Viele hält die Furcht vor Hartz IV von Therapien ab. Helfen würde ein beschleunigter Zugang zur unentgeltlichen, truppenärztlichen Betreuung. Und die Bundeswehr sollte ihre Kapazitäten in den Krankenhäusern für Betroffene erhöhen!"

Mehrere Einsatzveteranen gründen 2010 einen Verein, weil sich die Gesellschaft ihrer Ansicht nach zu wenig um diese Probleme kümmert. David Hallbauer ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes der Einsatzveteranen (BDV). Der Verein vermittelt 50 bis 60 ehrenamtliche Fallmanager, die binnen 24 Stunden Kontakt aufnehmen können, wenn ein Einsatzveteran Probleme hat. Das Schicksal Tino Rabes stuft er als "nicht untypisch" ein.

Was wird nun aus ihm?

Franziska Hallbauer glaubt, dass viele einsatzgeschädigte Menschen es nicht schaffen, den vorgeschriebenen Prozess durchzustehen, der zur Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung führt. Heike Rabe hat in einem Brief an die Verteidigungsministerin appelliert, sich um das Schicksal ihres Sohnes und der anderen Einsatzgeschädigten zu kümmern: "Wir haben uns jahrelang an viele Stellen gewandt. Niemand fühlt sich verantwortlich."

David Hallbauer vom BDV kritisiert, dass es zwar einen Sozialdienst der Bundeswehr und einen PTBS-Beauftragten im Verteidigungsministerium gebe. Es fehle aber ein umfassendes Betreuungs- und Veteranenkonzept - und ein Veteranenbeauftragter des Bundestages als zentrale Anlaufstelle.

Und Tino Rabe? Steht jeden Tag in dem Kampf, zu dem sein Leben mit der Krankheit geworden ist.

Bewertung des Artikels: Ø 5 Sterne bei 1 Bewertung
0Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.



    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus. An alle Adblocker

    Bitte schalten Sie ihren AdBlocker aus.
    Mehr erfahren Sie hier...