Maskierte Männer töten Skatspieler

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Akte Westsachsen: Die "Freie Presse" blickt auf spektakuläre Verbrechen aus der Vergangenheit im Raum Zwickau zurück. Teil 16: Mord im Berggasthaus in Hohenstein-Ernstthal.

Hohenstein-Ernstthal.

Das Berggasthaus in Hohenstein-Ernstthal war am Abend des 10. August 1920 gut besucht. Erst kurz vor 23 Uhr verließen die meisten Gäste die Gaststätte. Nur an einem Tisch wollten vier Kartenspieler noch ihre Partie beenden, als kurz nach 23 Uhr die Tür zur Gaststube unsanft aufgestoßen wurde und vier maskierte Männer in den Raum stürmten. Mit Pistolen zielten sie auf die Männer am Spieltisch und forderten die Herausgabe des Bargeldes und der Uhren. Vor den Männern lagen jeweils mehrere Geldscheine sowie Stapel an Münzgeld, und auch die Spielkasse in der Mitte des Tisches war gut gefüllt. Ob Heinrich Hermann Ebersbach, einer der Spieler, die Situation nicht ernst nahm oder einfach falsch einschätzte, konnte nie mehr geklärt werden. Der Musterzeichner - er erstellte unter anderem Vorlagen für die Arbeit an Webstühlen - griff jedenfalls nach einem Schirm, den er an der Garderobe neben sich entdeckt hatte und wollte sich gegen die Räuber zu Wehr setzen. Doch dazu kam er gar nicht mehr. Als diese die Bewegung des Mannes wahrnahmen, schossen sie ohne Vorwarnung fünf- bis sechsmal auf ihr Gegenüber. Der 46 Jahre alte Ebersbach wurde von mehreren Kugeln aus zwei Waffen in die Brust getroffen und war sofort tot. Er kippte von seinem Stuhl und fiel zu Boden, wo sich bald eine große Blutlache bildete. Offenbar der Anführer der Band zeigte sich vom Geschehen unbeeindruckt. Er griff nach dem Geld auf dem Tisch und stopfte es in seine Jackentaschen, bevor er mit seinen Kumpanen verschwand. Einer von ihnen war jedoch vermutlich durch einen Querschläger verletzt worden. Er hat laut Polizeiprotokoll eine Blutspur hinterlassen. Obwohl die Polizei hoffte, dass er mit der Verletzung einen Arzt aufsuchen würde, blieben die Täter wie vom Erdboden verschluckt. Die ballistische Untersuchung ergab, dass es sich bei einer der Waffen, mit denen auf den Besitzer der Firma für Musterzeichnungen geschossen wurde, um eine etwa 30 Zentimeter lange Armeewaffe gehandelt haben muss.

Wie der Wirt später aussagte, waren die Täter bereits einige Stunden zuvor in seinem Lokal gewesen. Nach seiner Aussage hätten die vier Fremden dabei über längere Zeit die Kartenspieler beobachtet.

Der Raubmord setzte die Stadt in Angst und Schrecken, zumal sich die Polizei nicht gerade mit Ruhm bekleckerte. Erst zwei Tage später stellte der zuständige Kriminalinspektor in der Kriminalaußenstelle Hohenstein-Ernstthal fest, dass es nicht der einzige Überfall an jenem 10. August 1920 gewesen war. Da lagen die Anzeigen bereits zwei Tage auf seinem Schreibtisch, ohne dass er sie zur Kenntnis genommen hatte. Bereits am Nachmittag des Dienstages war der Hohenstein-Ernstthaler Fleischermeister Friedrich Schmidt in einem Waldstück, das er gerade mit seinem Einspänner passierte, von Unbekannten unter Waffengewalt zum Anhalten gezwungen worden. Auch hier wurde die Herausgabe des Bargeldes gefordert. Verängstigt hatte der Fleischer seine Brieftasche übergeben. Als die Räuber darin nur sehr wenig Geld fanden, warfen sie das Portemonnaie samt Inhalt auf den Wagen zurück und verschwanden wieder im Wald. Vier Stunden später wurden die Brüder Karl und Kurt Rösiger, die aus Leipzig beziehungsweise Halberstadt stammten und hier mit ihren Ehefrauen Urlaub machten, Opfer der sehr wahrscheinlich gleichen Tätergruppe. Sie waren auf einem Waldweg der Nähe des Gasthofes "Zum Wind" in Wüstenbrand spazieren gegangen. Ihnen wurden mit vorgehaltenen Waffen 500 Mark abgenommen. In beiden Fällen hatten die Betroffenen jedoch von fünf Tätern berichtet, und keiner von ihnen trug eine Maske. In den Akten ist noch von einem weiteren Raub die Rede, auf den aber nicht näher eingegangen wird. Vermutlich war bei dem Raubzug im Berggasthaus einer der Täter vor dem Gebäude verblieben, um zu verhindern, dass andere Personen das Lokal betraten.

Die Polizei hatte ausreichend Personenbeschreibungen, fand jedoch keinen der Täter, obwohl es an Verdächtigen nicht mangelte.

Nach Protesten aus der verängstigten Bevölkerung wurde die Polizei am 17. August 1920 aktiv. Die Menschen trauten sich kaum noch aus dem Hause und schon gar nicht mehr in den Wald. Nachdem ein Mitglied des Stadtrates, das um den Tourismus fürchtete, den Amtshauptmann von Chemnitz um Hilfe gebeten hatte, durchstreiften acht Polizisten die Wälder zwischen Kändler, Limbach, Pleißa und Meinsdorf - für die Einwohner eine eher halbherzige Maßnahme. Einen Tag später wurden die Einsatzkräfte mehr als verdoppelt. 16 Beamte zu Pferd und 20 Mann Fußstreife wurden eingesetzt, um zumindest Teile des Fürstlich Schönburgischen Waldes nach den fünf Raubmördern zu durchsuchen. Am gleichen Tag waren 15 Polizeireiter mit ihren Pferden sowie 30 weitere Polizisten im Rabensteiner und Pleißaer Wald unterwegs. Doch beide Einsatztruppen meldeten am nächsten Tag ihre Suche als erfolglos. Erfolglos blieb auch die Fahndung nach fünf Arbeitern, die angeblich auf einer Baustelle des Ammoniakwerkes Merseburg in der Region gearbeitet haben sollen. Auf sie hatte die Beschreibung gepasst, und die Polizei konnte auch ihre Namen ermitteln. Das Unternehmen teilte jedoch mit, dass die Personen dort nicht bekannt seien.

Die Ermittlungen der Polizei gerieten ins Stocken. Die Vermutung der Ermittler: Es muss sich um eine reisende Bande gehandelt haben, die nur einen Tag in Hohenstein-Ernstthal und Umgebung ihr Unwesen getrieben habe.

Die Akte endet im Jahr 1932. Ob die Täter jemals gefasst wurden und vor Gericht gestellt werden konnten, geht aus den Aufzeichnungen nicht hervor.

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