Mit Hut, Stern und Revolver

Viele Westsachsen gehen ungewöhnlichen Freizeitbeschäftigungen nach. "Freie Presse" stellt die Liebhabereien in einer Serie vor. Heute: ein Hobbysheriff

Hohenstein-Ernstthal.

Rolf Müller sorgt hin und wieder als Sheriff für Aufsehen. Mit langem Mantel, Hut, Revolver, Handschellen und einigen weiteren Ausrüstungsgegenständen ist er vor allem bei Veranstaltungen in der Stadt ein Stammgast. Die Rolle des Gesetzeshüters bekam er vor ein paar Jahren aus ganz praktischen Gründen. Denn eigentlich spielte Müller, der den meisten besser unter seinem Spitznamen "Fit" bekannt ist, bei verschiedenen Anlässen mit "Abu Seif" eine der vielen Figuren aus den Büchern des Abenteuerschriftstellers Karl May. Doch der Charakter aus dem Orient hatte einige Tücken. "Er war nur leicht bekleidet. Das war bei Regen oder Kälte nicht gerade angenehm", erinnert sich Müller. Zudem konnten Regen oder Schweiß dazu führen, dass die nötige Schminke verlief. Also musste eine andere Figur her. "Es waren ja schon viele Sachen vergeben. Gemeinsam mit Karl-May-Darsteller Willi Olbrich kam dann der Gedanke, dass es ja eigentlich nicht sein kann, dass die Karl-May-Geburtsstadt keinen Sheriff hat", erzählt der 56-Jährige, der mittlerweile ohne Zweifel zu den Originalen der Stadt gehört.

Für rund 800 Euro wurde das Outfit erstanden, dessen wasserfester Ledermantel nun auch für Wohlbefinden sorgt, wenn das Wetter einmal nicht mitspielt. Bei zu großer Hitze kann auch darauf verzichtet werden. Der Revolver brachte einige organisatorische Herausforderungen mit sich. "Man braucht eine Erlaubnis, um ihn als Ansichtswaffe in der Öffentlichkeit tragen zu dürfen", erklärt der Gesetzeshüter im Ehrenamt. Denn obwohl das Schießeisen nicht funktioniert, sieht es ziemlich echt aus und braucht auch deshalb eine Erlaubnis vom Landratsamt. Mit 1140 Gramm ist der Revolver zudem ziemlich schwer. "So locker wie in den Westernfilmen war das damals beim Schießen sicher nicht", sagt Sheriff Müller, der natürlich auch einen Stern trägt. Für den Patronengürtel wurde improvisiert, denn ausgediente Batterien dienen nun als Patronen.

Einen Namen mit Karl-May-Bezug fand der Sheriff auch. Er heißt "Frederick Santer junior" und ist so mit dem Bösewicht Santer verwandt, der in den Winnetoufilmen von Mario Adorf verkörpert wurde. "Vor allem Kindern erzähle ich immer, dass ich der Sohn von einem Bösewicht bin und deshalb ein besonders Guter werden musste", erklärt Rolf Müller, der in seinem Outfit nicht nur beim Karl-May-Fest, dem Batzendorfer Gartenfest am Karl-May-Haus oder beim Jahrmarkt unterwegs ist, sondern beispielsweise auch mit dem Förderverein "Silberbüchse" Kinderprogramme im Tierpark Limbach-Oberfrohna gestaltet. Im Verein dabei ist Müller seit 2008.

Eine zweite Leidenschaft des Hohenstein-Ernstthalers ist der Rennsport. Am Sachsenring war er früher bei den Streckenposten tätig. Heute wird er als Sheriff im Trubel des Grand-Prix-Wochenendes gesichtet, dann allerdings ohne Revolver. Der ist dort nicht erlaubt. "Da kann ich den Rennfans dann erklären, dass Hohenstein-Ernstthal die Geburtsstadt von Karl May ist. Viele wissen das nicht", sagt Müller, der bei der Hohenstein-Ernstthaler Feuerwehr im Verpflegungszug fürs leibliche Wohl der Mitstreiter sorgt.


Berühmtes Aushängeschild

Karl May wurde am 25. Februar 1842 in Hohenstein-Ernstthal geboren. In jungen Jahren führte er ein bewegtes Leben, das ihn sogar ins Gefängnis brachte. Doch er sollte zu einem der bekanntesten Schriftsteller werden, und seine Abenteuerromane, die vor allem im Wilden Westen und im Orient spielen, sorgten dafür, dass er als meistgelesener deutscher Autor gilt.

In seiner Geburtsstadt ist er neben dem Sachsenring ein bekanntes Aushängeschild. Karl-May-Museum, Feste, die Büste auf dem Neumarkt oder der Karl-May-Wanderweg erinnern an den bekanntesten Sohn der Stadt, der am 30. März 1912 starb.

Eine Reihe von Gruppen und Vereinen beschäftigt sich mit seinem Erbe. Der Wissenschaftliche Beirat und die Interessengemeinschaft des Karl-May-Hauses erforschen Details im Leben und Werk des Literaten. Der Förderverein "Silberbüchse" wurde vor zehn Jahren gegründet. Hier und da gibt es, ganz wie in den Büchern des Literaten, so manchen Zwist, bisher zum Glück ohne Duelle oder Schießereien, bei denen der Sheriff eingreifen müsste. (mpf)

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