Nonne enthüllt Zwickauer Geheimnisse

Mit einer neuen Stadtführung thematisiert die Kultour Z. die märchenhafte Welt der Riesen und Hexen der Stadt. Wer mitläuft, entdeckt das sagenhafte Zwickau.

Zwickau.

Schuld waren die Franzosen. Die lagen nicht vor Madagaskar, aber vor den Toren der Stadt Zwickau - in Höhe des Colombsteins nahe Mülsen. Damals, heißt es, soll es dort eine Kirche gegeben haben. Und eine Kanonenkugel, die Napoleons Truppen von dort aus abfeuerten, hätte um ein Haar diese Kirche zerstört. Doch die Kugel flog durch die eine Tür hinein, durch die andere hinaus, machte einen hohen Bogen und landete - im "Schuh Winkler", dem Eckhaus am Hauptmarkt. Auch nach der Sanierung des mehr als 500 Jahre alten Hauses ist sie heute noch zu sehen. "Eines ist gewiss, Münchhausen saß nicht drauf", sagt die als Benediktinerin verkleidete Brit Großpietsch verschwörerisch. Ihre 25 Gäste, die bei der Premiere dieser Stadtführung dabei sind, lachen.

"Sagenhaftes Zwickau" ist der Name dieser neuen Führung, die die Kultour Z. ab sofort anbietet. Sie führt durch die Innenstadt, in der sich viele Ansätze für den reichhaltigen Sagenschatz Zwickaus finden. Brit Großpietsch, seit 13 Jahren als Stadtführerin in Zwickau tätig, hat die Tour erstellt. Auf die Idee sei aber ein Kollege von ihr gekommen, verrät die 47-jährige Zwickauerin. Das Nonnenkostüm bot sich an, weil es in Zwickau nahe der Katharinenkirche ein Benediktinerkloster gab. Die Nonnen lebten abgeschieden von der Außenwelt, lasen sehr viel und hörten sich noch viel lieber Geschichten von draußen an, die sich bei jedem Mal Erzählen ein wenig wandelten. Außerdem hat das Nonnenkostüm einen Supernebeneffekt, verrät Großpietsch. Die Kleider sind wie geschaffen für Stadtführer: im Sommer luftig, bei Minusgraden kann man allerlei drunter ziehen.

Station Nummer 1 auf dem rund anderthalbstündigen Rundgang: das Rathaus mit seinem Wappen, das drei Schwäne zeigt. Warum? Der Grund ist auf den Jungbrunnen zurückzuführen, von denen es weltweit nur drei gegeben haben soll. Am Zwickauer ließen sich drei Schwäne gern nieder, um in Gestalt von Jungfrauen zu baden. Die Sage erzählt noch von einigen Verwicklungen, endet aber glücklich.

Kein Happy-End gab es dagegen für eine Frau, die im Mittelalter im Schloss Osterstein (das früher Weißenstein und beinahe Grauenstein gehießen habe) einsaß. Die Zauberelse nun soll mit dem Teufel geredet und einiges mehr gemacht haben. Der besuchte sie im Gefängnis und lockte, sie möge ihm folgen, dann werde er sie befreien. Sie lehnte das zwar vehement ab, verbrannt wurde sie 1557 dennoch.

Alles wahr oder erstunken und erlogen? Brit Großpietsch überlässt es ihren Gästen, in der sagenhaften Welt voller Fantasie und Aberglaube den Funken Wahrheit zu finden.

Der siebenjährige Benjamin Döhler aus Cainsdorf, ein Comic- und Sagenfan, verschlingt ihre Erzählungen förmlich, obgleich er auch schon allerhand aus dem Sagenschatz kennt - aus einem Buch und von zwei Detektivtouren durch Zwickau. Brit Großpietsch freut sich über sein Wissen. "Das Interesse vor allem der Schulen an den Rätseltouren der Kultour Z. steigt", sagt sie.

Besucher der Sagen-Tour erfahren, wie der Riese Einheer die Stadt beschützte und wie die Paradiesbrücke zu ihrem Namen kam. Die Nonne plaudert aus, wo Robert Schumann seinen zweiten Kuss vergab und erklärt die Herkunft von Sprichwörtern wie "das fünfte Rad am Wagen sein", "beim Nachbarn kleben bleiben" und was es mit der Torschlusspanik auf sich hat.

Und die Besucher erfahren, dass die Kanonenkugel eins von drei geheimen Zeichen in Zwickau ist. Handwerker hatten sich angeblich auf drei Zeichen verständigt, um unter den Gesellen die Spreu vom Weizen zu trennen. Zwickau hatte einst als Ausbildungsstadt einen guten Ruf. Folglich behaupteten alle jungen Leute, in Zwickau gelernt zu haben. Dank dieses Codes konnten die Meister herausfinden, wer wirklich in Zwickau war. Nur der wusste von der Kanonenkugel, von dem Dreigesicht als Zeichen der Heiligen Dreifaltigkeit am Dom und der Brille, die ein Schneider einst beim Bau des Gewandhauses davor liegen gelassen habe. Bauarbeiter fanden sie, machten ein Zeichen an den Giebel des damaligen Handelshauses und bewahrten die Brille darin für ihn auf - bis heute. Er habe sie nie abgeholt.

Jeden letzten Samstag im Monat findet die Führung "Sagenhaftes Zwickau" statt. Beginn ist um 14 Uhr, Treffpunkt ist an der Tourist- Information, Kosten: 7 Euro.

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