Notfall: Wenn die Tagesmutter kränkelt

Die Tagesbetreuung als Alternative zum Kindergarten ist bei jungen Eltern sehr beliebt. Doch die pädagogischen Einzelkämpfer haben ein ganz spezielles Problem.

Lichtenstein.

Jean-Sabin Zemann geht nur zum Arzt, wenn sie schon fast den Kopf unterm Arm mitbringt. Ein lapidarer Schnupfen, Husten oder Rückenschmerzen sind für sie kein Grund, "ihre" Kinder im Stich zu lassen, sagt die Tagesmutter aus Rödlitz. Doch auch eine Tagesmutter ist irgendwann einmal so krank, dass sie tatsächlich nicht arbeiten kann. Was dann? "Dann haben fünf junge Familien ein Problem", sagt die 58-Jährige.

Fünf Knirpse, der jüngste zehn Monate alt, betreut Jean-Sabin Zemann. Deren Eltern verlassen sich auf sie. So auch Jennifer Zimmer. Sie ist froh, dass es für ihren Sohn Johnny diese alternative Betreuung gibt: "Johnny war erst im Kindergarten Knirpsenland. Dort war er ständig krank, jetzt ist er viel stabiler", sagt die 25-Jährige. Auch Juliane Büchner aus Glauchau bringt ihren Sohn Bennet zur Rödlitzer Tagesmutti. Sie nimmt den langen Weg gern in Kauf. "Bennet musste in den ersten sechs Wochen zweimal operiert werden. Hier wird er sehr familiär betreut und gut motiviert", sagt sie.

Doch die heile Welt gerät aus den Fugen, wenn die Tagesmutter ernsthaft erkrankt. Wo werden in so einem Fall die Kinder untergebracht? Wer trägt die Kosten? Wie ist die Rechtslage? Bei einem Aktionstag anlässlich "25 Jahre Kindertagespflege in Sachsen" haben Tagesmütter auf dieses Problem aufmerksam gemacht. Jean-Sabin Zeman ist seit zehn Jahren Tagesmutter. Seither hat sie 32 Knirpse in ihrer Obhut gehabt. Selten war sie krank. "Aber ich musste mich in den zehn Jahren dreimal operieren lassen. Das habe ich jedes Mal hinausgezögert solange es ging und mich dann in meinem Urlaub in die Klinik begeben", macht sie deutlich. Aus Sicht des neuen Verbandes sächsischer Tagesmütter ein unhaltbarer Zustand auf Kosten der Betroffenen. Lichtensteins Stadtoberhaupt Thomas Nordheim (Freie Wähler), der die Tagesmutter besucht hat, kennt das Problem. Für seinen jüngsten Sohn hatte auch er diese alternative Betreuung zum Kindergarten gewählt.

Die Stadt hat sieben selbstständige Tagesmütter im Bedarfsplan, fünf im Stadtgebiet, eine in Heinrichsort, eine in Rödlitz. Ihnen zahlt die Stadt pro Kind im Monat 485 Euro. Davon müssen die Tagesmütter alle Kosten bestreiten, von Versicherung bis Steuerberater. Im Krankheitsfall müssten sie theoretisch für die Kinder die Unterbringung bezahlen.

Die Stadt Plauen regelt das so: Sie zahlt Tagesmüttern pro Kind monatlich 70 Euro zusätzlich. Das Geld müssen die Tagesmütter vorhalten, um im Krankheitsfall die Kosten für die Betreuung zu bestreiten. Entweder für den Einsatz einer Ersatztagesmutter oder, wenn die Kinder auf andere Tagesmütter oder die Kindergärten verteilt würden. Für Nordheim ist das eine denkbare Lösung. "Doch das kostet die Stadt im Jahr gleichmal 29.400 Euro, die sie zusätzlich im Haushalt einstellen müsste", sagt Nordheim. "Wir können auch nicht in einer Tagesstätte so viele Plätze in Reserve halten, dass die gewohnte Gruppe zusammen bleiben kann", sagt Nordheim. Er will nun mit dem Stadtrat nach Lösungen suchen. "Egal welche das ist, ein Restrisiko bleibt trotzdem. Sind mal zwei Tagesmütter zur selben Zeit krank, dann versagt auch dieses System. Den Fall hatten wir in diesem Jahr schon", so Nordheim.

In der Stadt Hohenstein-Ernstthal haben die sieben Tagesmütter für den Krankheitsfall vorgesorgt. "Sie streben einen Kooperationsvertrag mit Kindertagesstätten an", sagt OB Lars Kluge (CDU). Im Ernstfall suchen die Tagesmütter auch individuelle Betreuungslösungen gemeinsam mit den Eltern. Das funktioniere in der Regel. "Vor der Arbeit der Tagesmütter habe ich großen Respekt. Sie sind von früh bis abends ununterbrochen im Einsatz, das verlangt ihnen einiges ab."

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