Nullte Stunde kann Spaß machen

Katharina Ringler kümmert sich an der Karl-May-Grundschule um Schüler mit Matheschwäche. Dabei geht es um mehr als nur Förderunterricht. Auch Politik spielt eine Rolle.

Hohenstein-Ernstthal.

Es ist Mittwoch, 7.40 Uhr im Großen Kunstraum an der Karl-May-Grundschule. Wie fast jede Woche steht Katharina Ringler vor einer Gruppe Viertklässler. Eines der Mädchen hat einen Sack voller Perlen mitgebracht. "Wie viele glaubt ihr, sind da drinnen", fragt Katharina Ringler mit leicht hörbarem fränkischen Akzent. Die junge Frau schreibt die genannten Zahlen an die Tafel. "Wer ist am nächsten dran?" Die Gewinnerin bekommt schließlich eine Krone auf den Kopf. Zur nächsten Sitzung darf die so gekürte Schätzkönigin dann das nächste Rätsel stellen.

Bei der "Guten Morgen Mathe Gruppe" geht es um sehr viel mehr als Zahlen, erklärt die gebürtige Fränkin Ringler später. Sie ist keine Lehrerin, hat Volkswirtschaft studiert und arbeitet seit August 2018 als "Fellow" an der Grundschule. So heißen eben jene Uniabsolventen, die von der gemeinnützigen Organisation Teach First an Grundschulen im gesamten Bundesgebiet verteilt werden. Die Fellows arbeiten in Vollzeit und erhalten eine Vergütung von der Organisation. Ihre Mission: Kindern helfen, die an den schulischen Anforderungen zu scheitern drohen und für die im oft hektischen Schulalltag nicht immer genügend Zeit bleibt.

"Ich war nervös, als ich das erste Mal vor einer Gruppe Schülern stand", gesteht die 29-Jährige. Wie alle Fellows hatte sie lediglich ein Training absolviert. Von den Lehrern erfuhr sie, welche Drittklässler in Mathe zurückgefallen waren. Insgesamt 20 Schüler kamen zusammen. Katharina Ringler sollte die nächsten zwei Jahre nicht nur verhindern, dass die Kinder weiter abgehängt werden. "Sie sollten fit für die weiterführende Schule sein."

Kinder, die öfter mit ihren Eltern kochen oder Kuchen backen etwa, hätten eine sehr viel bessere Vorstellung von Mengen und Maßeinheiten als andere, erklärt Ringler. Das ist aber nicht der einzige Grund, warum die Volkswirtin es zumeist anschaulich und spielerisch angehen lässt. "Die Kinder sind motivierter, wenn es um Punkte geht." Das treffe auch auf Disziplin zu. Bonusse gebe es nicht nur für richtige Lösungen, sondern auch für Pünktlichkeit und die Einhaltung von Regeln. Doch egal ob Plus- oder Minuspunkte, die gelten immer für die ganze Gruppe, erklärt Ringler. "So achten die Kinder auch untereinander auf Disziplin und ich muss nicht schimpfen." Wenn genug Punkte gesammelt sind, profitiere die ganze Gruppe zum Beispiel von einer Spielstunde.

Dass es während der morgendlichen Mathestunde hin und wieder unruhig wird, bleibt zwar nicht aus. Die meisten der neun Schüler arbeiten jedoch mit oder helfen sich gegenseitig. Dass die Kinder Fortschritte gemacht haben, da ist sich Ringler sicher. Bei ihrem Einsatz, der im August endet, sollte es aber nicht nur um Mathe gehen. Vier Lesepaten konnten gewonnen werden. Das sind ältere Menschen, die sich mit einem Kind zusammensetzten und vorlesen. "Die Kleinen finden es toll, wenn sie eine Stunde lang komplette Aufmerksamkeit genießen."

Bei einem Ausflug ins Rathaus durften die Kinder sich auch politisch erproben und dem OB ihre Wünsche schildern. Einen McDonalds oder Tierpark wird es in Hohenstein-Ernstthal zwar demnächst nicht geben. Doch die Stadträte stimmten dafür, eine Reihe von Baumpflanzungen in den Bürgerhaushalt aufzunehmen. "Die Gensch ist so hässlich", fanden die Kinder. Und eben dort sollen im kommenden Jahr Obstbäume gepflanzt werden.

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