Ohne Stempel kommt auch das digitale Zeitalter nicht aus

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Wüstenbrand.

Stempel gibt es schon seit Jahrhunderten - und sie gibt es auch in Zeiten digitaler Technik. Das freut Annett Schlossbauer, ihren Mann Frank und die beiden Mitarbeiterinnen von Stempel Lorenz in Wüstenbrand. Bereits seit 1913 gibt es die Firma. Und derzeit hat die Inhaberin keine Sorgen, dass ihr Geschäft durch die Digitalisierung kurzfristig bedroht wäre. "In Behörden und vielen Firmen wird nach wie vor viel abgestempelt", sagt Annett Schlossbauer. Und wenn dann einmal Umzüge oder Zusammenlegungen erfolgen, müssen die vielen verschiedenen Stempel erneuert werden.

Besonders viel gab es deshalb in den 90er-Jahren zu tun, vor allem durch die neuen Postleitzahlen und Telefonnummern. Heute werden im Schnitt rund 50 Stempel täglich gefertigt. Etwa 30 Prozent davon sind klassische Holzstempel, die anderen die modernen selbstfärbenden Stempel aus Plastik mit integriertem Stempelkissen. "Die kosten etwa doppelt so viel", sagt die Expertin. Deshalb werden sie die Holzstempel, die in gewisser Weise ein Markenzeichen der typisch deutschen Amtsstuben sind, wohl auch nie ganz verdrängen.


Die Größenauswahl bei den Holzstempeln ist riesig. Mehr als 100 findet man in den Wandregalen. Von einigen Millimetern Größe, die zum Beispiel für eine zu stempelnde Zahl reichen, bis zum Format A 6 ist alles machbar. "Noch größer geht es theoretisch auch, aber dann ist gleichmäßiges Stempeln schwierig. Außerdem braucht man dann auch ein entsprechend großes Stempelkissen", sagt die Expertin. Die Holzstempel werden größtenteils von der Firma Schönherr in Oberlungwitz gekauft, manchmal werden einzelne auch selbst gefertigt. Der Metallpunkt auf dem Griff hat dabei die Bedeutung, dass er nach hinten zeigen muss, damit richtig herum gestempelt wird.

Wenn es um die Entwürfe der Texte oder grafischer Elemente geht, hat die moderne Technik die Arbeit deutlich erleichtert. Per Computer werden die Stempelplatten gestaltet, die mittels einer Maschine mit Lasertechnik aus Gummi oder Polymermaterial herausgearbeitet werden. "Gummi ist für geringe Stückzahlen, Polymer eher für größere Serien", erklärt Annett Schlossbauer. Früher wurden die Texte von Hand gesetzt, danach Abdrücke in einer gipsähnlichen Masse gemacht, die wiederum mit Gummimaterial ausgefüllt werden. Ein Musterbuch aus den 1930er-Jahren macht deutlich, dass auch mit der traditionellen Technik aufwendige grafische Arbeiten als Stempel umgesetzt werden konnten. Genau wie heute musste die Stempelplatte anschließend noch genau zugeschnitten und verklebt werden. Wichtig bei dem ganzen Prozess ist, dass der Stempel spiegelverkehrt ist, denn nur dann ist er am Ende auf dem Papier richtig herum. Doch nicht nur auf Papier wird mit den Wüstenbrander Stempeln gestempelt, sondern auch auf Beton und sogar auf Fleisch. Denn auch Fleischbeschauerstempel aus Metall und einiges mehr stehen im Leistungsspektrum der Experten, die über die Jahre immer vielseitiger geworden sind.

Das Fertigen von Stempeln war früher Teil der Ausbildung von Flexografen, die noch einiges mehr an Handwerk zu verrichten hatten als heutzutage. Denn mittlerweile arbeiten Annett Schlossbauer und ihr Mann Frank eher wie Mediengestalter. In der kleinen Firma werden auch Visitenkarten und andere Drucksachen hergestellt, Autobeschriftungen und andere Aufkleber gestaltet oder Schilder produziert. Für Schilder und Gravuren, zum Beispiel in Glas, kommt wie bei den Stempeln moderne Lasertechnik zum Einsatz. "Die ganzen Maschinen müssen sich ja rentieren, da muss man sie vielseitig einsetzen können", sagt die Firmeninhaberin.

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