Schmied wurde zum Metallbauer

Ans Werk! Sie bauen, schleifen, schrauben, drehen und drechseln: Handwerker gestalten unser Umfeld. Die "Freie Presse" stellt einige Gewerke aus der Region in einer Serie vor - und schaut den Handwerkern bei der Arbeit auf die Finger.

Glauchau.

Eines der ältestes Handwerke überhaupt ist das des Schmiedes. Wer kennt sie nicht, die Schmiede der mittelalterlichen Märchen, die den Prinzen zu Ross schnell die Hufen ihrer Tiere beschlagen mussten? Man hört den schweren Hammer auf das heiß glühende Stahl schlagen. Funken sprühen vom Amboss auf die schmutzigen Böden und die Luft schimmert stickig.

Doch diese Erinnerung hat mit den aktuellen Tätigkeiten von Schmiedemeister Holger Thomas aus Glauchau nur noch wenig zu tun. "Mein Urgroßvater Carl Eduart Thomas setzte 1899 die Wurzeln für unsere Firma in Glauchau", sagt Holger Thomas. "Ich übernahm sie 1993 in vierter Generation. Nach Lehre und Armeezeit machte ich 1991 meinen Meister, aber wir waren damals der letzte Jahrgang nach der Wende, die aktuelle Berufsbezeichnung wechselte von Schmiedemeister zu Metallbaumeister." Mit der Wende änderte sich nicht nur der Name des Handwerks. "Es kam der große Einschnitt: Namhafte Karosserie- und Stammkunden fielen komplett weg. Volkseigene Betriebe wie die Glauchauer Palla gab es von heute auf morgen nicht mehr, wir hatten keine Aufträge", sagt Thomas. Reparaturen am "Trabbi" trugen vor und kurz nach der Wende als wichtigstes Standbein der Schmiede bei, auch Arbeiten für Energieversorger. "Die Zeit war für unser Berufsbild schwierig, wir suchten neue Kunden. Mit der Anfertigung von Werbeaufstellern und kleineren Aufträgen konnten wir uns über Wasser halten." Doch mit der Ansiedlung der Automobilzulieferer und der damit verbundenen Industriebranche schöpfte man neue Hoffnung. "Es gab mit modernen Computerprogrammen und neuen Werkzeugen ganz andere Möglichkeiten, viele Arbeitsschritte in der Fertigung haben sich deutlich vereinfacht. Musste man erst jedes Loch von Hand bohren, nutzt man nun moderne CNC-Technik", so Thomas. An einen Arbeitstisch war damals nicht zu denken, große Schweißtische zählen erst in heutiger Zeit zum Inventar einer Schmiede.

Doch wie sieht der Alltag eines Metallbauers heutzutage aus? "Wir klopfen ja nicht einfach auf dem Stahl herum und am Ende ist was Schönes entstanden", sagt Thomas. Der erste Kontakt mit dem Kunden findet im Büro statt, erst nach einem bestätigten Angebot geht es in den eigentlichen Auftrag. Dank moderner Grafikprogramme lassen sich auch kleinste Details mit dem Auftraggeber besprechen. "Und auch jetzt haben wir den Werkstoff noch nicht in der Hand. Oftmals wird erst auf Kundenwunsch das Material bestellt, ein Feinaufmaß angefertigt und mit der Skizze abgeglichen. Erst dann gibt es grünes Licht für die Fertigung." Neben Ausmessen, Trennen, Schneiden und Schweißen muss Thomas mit der Zeit gehen: Gab es zu DDR-Zeiten keine Fertigteile, werden sie jetzt des Öfteren bestellt, zum Beispiel Zierelemente. "Verschnörkelungen an Toren oder Zäunen werden zugekauft, der Faktor Kosten- und Zeitaufwand spielt eine große Rolle. Kostete uns damals das Ausschneiden eines Werkstückes noch 30 Minuten, bearbeiten wir es jetzt nur noch 28 Sekunden mit dem Schneideprogramm." Doch die meiste Freude macht dem Schmiedemeister noch immer die Entwicklung von eigenen Prototypen. "Man glaubt gar nicht, wie oft ein Kunde mit einem Problem vor einem steht, dann raucht der Kopf. Manchmal wache ich nachts mit einer neuen Idee auf. Es ist schön, wenn man mal einen ganzen Tag vor sich hin arbeiten kann, die heutige Technik macht vieles einfacher. Aber auch die vielen Jahre an Erfahrung, die einem zugute kommen." Darunter versteht Thomas auch die gute Kommunikation mit anderen Berufskollegen. "Manchmal fehlt einfach die Idee. Da ist es gut, wenn man Hilfe bekommt."

Aber wertvolle Unterstützung gibt es auch von familiärer Seite. "Mein Sohn Patrick wurde wie ich in den Beruf geboren, ist selbst seit 2016 Metallbaumeister und unser Angestellter Frank Schumann arbeitet seit 1980 bei mir", sagt Holger Thomas. "Und ich als einstige Hausfrau mache seit dem Erziehungsurlaub einfach mit, von Bürostunden mit Auftragsannahme über Auslieferungen. Oder greife den Männern auch in der Werkstatt unter die Arme, je nachdem, wo es brennt." sagt Ehefrau Ute. Zusammen stehen sie für Stetigkeit: Nach dem Umzug der Werkstatt vom Chemnitzer Platz ins Glauchauer Gewerbegebiet vor fünf Jahren existiert der Betrieb mittlerweile im 120. Jahr.

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