Schrift rettet den Ruf

Das Karl-May-Haus holt eine historische Perle aus dem Bücherschrank. Sie könnte den umstrittenen Autor rehabilitiert haben.

Museumsmitarbeiter Henry Kreul mit dem Jahrbuch.

Von Andreas Klinger

150 bis 200 Euro sind kein Pappenstiel. Nur ein wahrer Karl May Fan würde vermutlich so viel Geld für ein Jahrbuch über den in Hohenstein-Ernstthal geborenen Weltautor hinlegen. "Wenn man es denn überhaupt noch bekommt", sagt André Neubert, Leiter des Karl-May-Hauses.

Eben jenen alten Schinken hat das Karl May Haus nun für dieses Quartal als besonderes Exponat in der Vitrine stehen. Und es handelt sich um kein gewöhnliches Jahrbuch: Es ist das allererste, das jemals über den umstrittenen Schriftsteller erschienen ist. Seit der Veröffentlichung des 232 Seiten-Werkes sind nun 100 Jahre vergangen. Doch nicht nur das Jahrhundert-Jubiläum bewog Neubert dazu, dem Jahrbuch einen besonders prominenten Platz im Museum einzuräumen, in dem Tausende Bände von und über Karl May schlummern. Das Werk ist auch einer der ersten Versuche, den in seinem letzten Lebensjahrzehnt in Verruf geratenen Autor zu rehabilitieren.

Denn Karl May war wahrlich kein braver Musterbürger. Betrug, Diebstahl, Hochstaplerei - als die lange Liste seiner Vorstrafen bekannt wurde, verschwanden Mays Bände aus 90 Prozent aller Bibliotheken Deutschlands. Bis lange nach seinem Tod im Jahr 1912 noch verdammte man seine Werke als "Schundliteratur".

Den Bann der öffentlichen Meinung über Karl May zu brechen, dieses Ziel setzte sich Schriftsteller Rodolf Beissel zusammen mit dem Berliner Redakteur Fritz Barthel. Im 1918 erschienen jenes erste Jahrbuch, das nun hinter Scheiben im Karl May Museum zu begutachten ist. Die am Werk beteiligten Autoren unternahmen darin den Versuch, das sogenannte "Karl May Problem" objektiv von allen Seiten zu beleuchten - offenbar nicht ganz ohne Erfolg. Obwohl Karl-May bis heute in der Wissenschaft umstritten ist, stieg er zu einem der meistgelesen deutschsprachigen Autoren auf.

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