So krank sind die Wälder in Westsachsen wirklich

Revierförsterin Janina Albrecht warnt vor einer Katastrophe. Wegen der Borkenkäferplage wurde schon ein Fünftel des Waldes gerodet. Im nächsten Jahr könnte es noch schlimmer kommen.

Hohenstein-Ernstthal.

Janina Albrecht (32) steht am Stumpf einer alten Fichte und schaut sich um. Ihre Dackel-Dame Carry schnüffelt am frisch geschnittenen Holz. Es riecht nach Harz. "Vor zwei Wochen war hier noch Wald", sagt die Försterin. Der liegt nun gefällt und aufgestapelt einige Hundert Meter entfernt.

Das Jahr 2019 ist auch das Jahr einer schlimmen Borkenkäferplage. Auch die Wälder um Hohenstein-Ernstthal und Glauchau waren befallen, so zum Beispiel der Hainholzwald am Sachsenring, der Waldenburger Stadtwald, der Ebersbacher Forst oder auch der Rümpfwald. Ein Fünftel des Baumbestandes wurde daher gerodet. Wie konnte es so weit kommen?

Ein Baum kann sich normalerweise gegen die Borkenkäfer wehren. "Sogar gegen 200 von ihnen auf einmal" sagt Janine Albrecht, Revierleiterin beim Staatsbetrieb Sachsenforst. Die Schädlinge kriechen unter die Rinde, fressen sich voll, legen ihre Larven. Der Baum verklebt sie mit seinem Harz, verhindert ihr Ausbreiten. Ein natürliches Immunsystem. Doch wenn es zu trocken ist, fehlt es an Flüssigkeit, an Harz. In diesem Jahr war es zu trocken. Die Käfer haben sich unter der Rinde verbreitet. Albrecht: "Sie ist so etwas wie die Speiseröhre eines Baumes: eine Nährstoff-Verbindung zwischen Wurzeln und Wipfeln." Ohne Nahrung hungert der Baum - und stirbt. Seine zerfurchte Rinde blättert ab und liegt dann am Boden wie von Motten zerfressene Kleider. Es sind die Spuren von Tausenden Käfern.

Janina Albrecht ist für 5000 Hektar Wald in Westsachsen verantwortlich. Die Hälfte ihres Baumbestandes besteht aus Fichten, so wie auch andernorts in Sachsen, Nordrhein-Westfalen oder Thüringen. Die Folge der Rodungen: Der Holzmarkt wurde überflutet von billigem Rohstoff, oft reicht das erwirtschaftete Geld nur noch, um die Kosten für das Fällen der Bäume zu zahlen. Die Aufforstungen reißen dann schon ein Minus in die Geldbeutel der Waldbesitzer. Albrecht warnt vor einer Katastrophe. Wird nicht gegengesteuert, könnten durch weitere Rodungen die Belastungen für die Forstbesitzer, aber auch für die Tiere im Wald, wachsen: Die einen verlieren ihr Einkommen, die anderen ihren Lebensraum.

Bereits das Vorjahr war sehr trocken. Es gab Borkenkäferplagen und gerodete Wälder. "Schwierig ist, dass sich die Situation angesichts des Klimawandels verschlimmert", sagt Albrecht. Die vielen Borkenkäfer haben unzählige Larven produziert. Die überlebten den milden Winter 2018/19 anstatt im Frost zu verenden. Im Frühjahr dieses Jahres gab es zudem vermehrt Stürme, der Orkan "Eberhard" fegte über das Land. Er riss Bäume um. Diese wiederum waren der perfekte Nährboden für die unzähligen Borkenkäfer, die in diesem Jahr den Wäldern zu schaffen machten. Wird der kommende Winter wieder so warm, droht das Problem von neuem, mit noch mehr Käfern. Es ist ein fataler Kreislauf. Doch was kann man dagegen tun?

"Zurück zum Ursprung", lautet die Devise, wie Janina Albrecht erklärt. Denn eine wichtige Voraussetzung für die massive Schädlingsverbreitung waren die Monokulturen der Wälder. Wo sich Fichte an Fichte reiht, haben Borkenkäfer leichtes Spiel. Jede Borkenkäferart ist auf eine bestimmte Baumart spezialisiert. Das bedeutet im Umkehrschluss: Eine größere Vielfalt an Bäumen bietet mehr Schutz vor Befall. Albrecht: "Letztlich pflanzen wir jetzt wieder die Bäume, die ursprünglich mal hier im Gebiet gewachsen sind: Buchen, Eichen und Lärchen." Mit diesem Waldumbau will die Försterin dem Waldsterben entgegenwirken. In den nächsten zwei bis drei Jahren soll der Fichtenbestand daher in ihrem Gebiet auf zehn Prozent schrumpfen.

Das ist auch der Plan des Sächsischen Landwirtschaftsministeriums. Auf eine Anfrage der "Freien Presse" schreibt es, dass bereits seit dem Jahr 2009, also innerhalb von zehn Jahren, über 12.000 Hektar Landeswald auf Mischwälder umgebaut wurden. Offenbar noch nicht genug. Und nun? "Ehrlich gesagt können zunächst nur hoffen", sagt Janina Albrecht. "Wenn wir einen richtig ekligen, nasskalten Winter bekommen, sterben die Käferlarven." Ansonsten könnte das Jahr 2020 noch schlimmer werden.

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